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Lernmethoden: Was laut Forschung wirklich funktioniert

Fachlich verantwortet von Prof. Dr. Alexander Holtermann · Stand 16.10.2026 · 5 Min. Lesezeit

Am wirksamsten sind Abrufübungen und verteiltes Lernen. Markieren und Wiederlesen bringen laut Dunlosky und Kollegen (2013) wenig.

Das Wichtigste in Kürze

  • Dunlosky und Kollegen (2013) haben zehn verbreitete Lerntechniken bewertet. Nur zwei erhielten die höchste Stufe: Abrufübungen und verteiltes Lernen.
  • Abrufübung (Testing Effect): Wer sich selbst abfragt, behält langfristig deutlich mehr als wer den Stoff erneut liest.
  • Verteiltes Lernen: Dieselbe Lernzeit über mehrere Tage verteilt schlägt Lernen am Stück, besonders für das Behalten über Wochen.
  • Interleaving (gemischtes Üben) und Elaboration (Warum-Fragen) wirken gut; duale Codierung kombiniert Wort und Bild.
  • Markieren, Wiederlesen und Zusammenfassen ohne Abruf fühlen sich produktiv an, bringen aber wenig.

Die große Übersichtsstudie: Dunlosky und Kollegen (2013)

Im Jahr 2013 veröffentlichten John Dunlosky und vier Kollegen eine umfassende Übersicht zu zehn Lerntechniken, die Studenten häufig nutzen. Die Forscher prüften Hunderte Studien darauf, ob eine Technik über verschiedene Lernende, Materialien, Aufgaben und Zeitspannen hinweg wirkt. Jede Technik bekam eine Bewertung: hoher, mittlerer oder geringer Nutzen.

Das Ergebnis überrascht viele: Die beliebtesten Techniken, Markieren und Wiederlesen, schnitten schlecht ab. Die wirksamsten Techniken sind dagegen anstrengender und werden deshalb seltener genutzt. Diese Anstrengung ist gewollt. Lernforscher sprechen von wünschenswerten Erschwernissen: Was sich beim Lernen schwerer anfühlt, bleibt oft besser hängen.

TechnikBewertungKurz erklärt
Abrufübung (Practice Testing)hochsich selbst abfragen, Probeklausuren, Karteikarten
Verteiltes Lernen (Distributed Practice)hochLernzeit über mehrere Tage verteilen
Gemischtes Üben (Interleaved Practice)mittelAufgabentypen abwechseln statt blockweise üben
Elaborierendes FragenmittelWarum ist das so? Fragen beantworten
Selbsterklärungmitteleigene Lösungsschritte erklären
ZusammenfassengeringTexte in eigenen Worten kürzen
Markieren und UnterstreichengeringWichtiges farbig hervorheben
WiederlesengeringText erneut lesen
Bildhafte Vorstellung für Textegeringmentale Bilder zum Text erzeugen
SchlüsselwortmethodegeringMerkhilfe mit Klangähnlichkeit, v. a. für Vokabeln

Abrufübung: Der Testing Effect

Jedes Mal, wenn Du Wissen aus dem Gedächtnis holst, wird die Gedächtnisspur stärker. Das nennt man Testing Effect oder Abrufübung. In einem bekannten Experiment ließen Roediger und Karpicke (2006) Studenten einen Text entweder viermal lesen oder einmal lesen und dreimal frei aufschreiben, was sie behalten hatten. Kurz danach lag die Lesegruppe vorne. Eine Woche später aber erinnerte sich die Abrufgruppe an deutlich mehr.

Das zeigt ein wichtiges Muster: Wiederlesen erzeugt kurzfristig ein gutes Gefühl, Abruf erzeugt langfristig Wissen. Für die Klausur zählt das zweite.

  • Karteikarten mit Fragen statt Stichworten
  • nach jedem Kapitel das Buch zuklappen und frei aufschreiben, was Du weißt
  • Altklausuren und Übungsaufgaben ohne Lösung rechnen
  • sich gegenseitig in der Lerngruppe abfragen
  • einen leeren Zettel nehmen und eine Mindmap aus dem Kopf zeichnen

Verteiltes Lernen: Abstände schlagen Marathon

Lernst Du denselben Stoff an mehreren Tagen mit Pausen dazwischen, behältst Du ihn länger als bei gleicher Lernzeit am Stück. Cepeda und Kollegen (2006) haben dazu über 300 Experimente zusammengefasst. Der Effekt ist einer der stabilsten der Lernforschung.

Der optimale Abstand hängt davon ab, wie lange Du Dir etwas merken willst. Grob gilt: Je weiter die Prüfung entfernt ist, desto größer dürfen die Abstände sein. Für eine Klausur in vier Wochen sind Wiederholungen nach etwa 1, 3, 7 und 14 Tagen sinnvoll.

Interleaving: Gemischt statt blockweise üben

Beim blockweisen Üben rechnest Du zehn Aufgaben zum t-Test, dann zehn zur Korrelation. Beim gemischten Üben (Interleaving) wechselst Du die Aufgabentypen ab. Gemischtes Üben fühlt sich schwerer an und führt beim Üben zu mehr Fehlern. In der Prüfung schneidest Du damit aber besser ab, weil Du lernst, zu erkennen, welche Methode zu welcher Aufgabe passt. Genau das verlangt eine Klausur.

Interleaving lohnt sich besonders in Mathematik, Statistik, Physik und überall, wo es verschiedene Aufgabentypen gibt, die man unterscheiden muss.

Elaboration und Selbsterklärung: Verstehen statt Auswendiglernen

Bei der Elaboration verknüpfst Du neues Wissen mit dem, was Du schon weißt. Das geht am einfachsten mit Warum- und Wie-Fragen: Warum steigt die Inflation, wenn die Geldmenge wächst? Wie hängt das mit dem Zinssatz zusammen? Je mehr Verbindungen Du herstellst, desto mehr Wege führen später zur Information.

Bei der Selbsterklärung erklärst Du Dir beim Lösen einer Aufgabe jeden Schritt: Warum mache ich das jetzt? Diese Technik deckt Lücken auf, die beim stillen Nachvollziehen einer Musterlösung verborgen bleiben. Eine einfache Form ist die Feynman-Technik: Erkläre ein Thema so, dass ein Erstsemester es versteht. Wo Du stockst, liegt Deine Lücke.

Duale Codierung: Wort und Bild kombinieren

Die Theorie der dualen Codierung geht auf Allan Paivio zurück: Informationen, die sprachlich und bildlich gespeichert sind, lassen sich leichter abrufen. Praktisch heißt das: Ergänze Deine Notizen um Skizzen, Ablaufdiagramme, Zeitstrahlen oder Tabellen. Zeichne einen Prozess, statt ihn nur zu beschreiben, und erkläre dann das Bild in Worten.

Wichtig: Es geht nicht um schöne Bilder, sondern um Bilder, die eine Struktur zeigen. Ein schlichtes Kästchen-Pfeil-Diagramm zu einem Regelkreis hilft mehr als ein dekoratives Foto.

Was wenig bringt: Markieren, Wiederlesen, passives Zusammenfassen

Markieren und Wiederlesen sind die beliebtesten Lerntechniken, aber laut Dunlosky und Kollegen von geringem Nutzen. Der Grund: Beide erzeugen Vertrautheit. Der Text kommt Dir bekannt vor, und das verwechselt man leicht mit Können. In der Klausur musst Du aber selbst etwas hervorbringen, nicht nur wiedererkennen.

Das heißt nicht, dass Du nie markieren darfst. Markieren beim ersten Lesen kann helfen, Struktur zu erkennen. Es darf nur nicht die eigentliche Lernarbeit ersetzen. Verwandle Markiertes in Fragen und beantworte sie aus dem Gedächtnis. Dann hast Du aus einer schwachen Technik eine starke gemacht.

Statt …besser …
Skript zum dritten Mal lesenSkript zuklappen, frei aufschreiben, vergleichen
Ganze Absätze markierenAm Rand eine Frage zu jedem Absatz notieren
Zusammenfassung abschreibenZusammenfassung aus dem Kopf schreiben
Musterlösung durchlesenAufgabe erst selbst lösen, dann vergleichen

Häufige Fragen

Welche Lernmethode ist am effektivsten?

Laut der Übersicht von Dunlosky und Kollegen (2013) sind Abrufübungen (sich selbst testen) und verteiltes Lernen (über mehrere Tage) am wirksamsten. Am besten kombinierst Du beide.

Was ist der Testing Effect?

Der Befund, dass Abrufen aus dem Gedächtnis das Behalten stärker verbessert als erneutes Lesen. Ein Test ist also nicht nur Prüfung, sondern selbst eine Lernmethode.

Bringt Markieren beim Lernen etwas?

Allein kaum. Markieren erzeugt Vertrautheit, aber keinen sicheren Abruf. Nutze es höchstens zur Orientierung und verwandle markierte Stellen in Fragen.

Was bedeutet Interleaving?

Gemischtes Üben: Du wechselst zwischen verschiedenen Aufgabentypen ab, statt einen Typ blockweise zu üben. Das ist anstrengender, verbessert aber die Leistung in der Prüfung.

Gibt es Lerntypen wie visuell oder auditiv?

Die Idee, dass man je nach Lerntyp besser lernt, ist wissenschaftlich nicht belegt. Wichtiger sind wirksame Techniken wie Abruf und Verteilung, die für alle funktionieren.

Quellen und weiterführende Literatur

  • Dunlosky, J., Rawson, K. A., Marsh, E. J., Nathan, M. J., & Willingham, D. T. (2013). Improving students’ learning with effective learning techniques. Psychological Science in the Public Interest, 14(1), 4–58.
  • Roediger, H. L., & Karpicke, J. D. (2006). Test-enhanced learning: Taking memory tests improves long-term retention. Psychological Science, 17(3), 249–255.
  • Cepeda, N. J., Pashler, H., Vul, E., Wixted, J. T., & Rohrer, D. (2006). Distributed practice in verbal recall tasks: A review and quantitative synthesis. Psychological Bulletin, 132(3), 354–380.
  • Paivio, A. (1986). Mental Representations: A Dual Coding Approach. Oxford University Press.

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