Likert-Skala: Stufen, Mittelkategorie, Skalenniveau und Auswertung
Fachlich verantwortet von Prof. Dr. Alexander Holtermann · Stand 16.10.2026 · 5 Min. Lesezeit
Eine Likert-Skala misst Einstellungen über Zustimmung zu mehreren Aussagen, meist 5- oder 7-stufig. Ausgewertet wird der Mittelwert oder die Summe der Items.
Das Wichtigste in Kürze
- Eine Likert-Skala besteht aus mehreren Aussagen (Items) zu einem Konstrukt, denen Befragte auf einer abgestuften Zustimmungsskala zustimmen oder widersprechen.
- Üblich sind 5 oder 7 Stufen. Mehr als 7 Stufen bringen kaum zusätzliche Genauigkeit, weniger als 4 verlieren Information.
- Eine Mittelkategorie („teils, teils“) ist sinnvoll, wenn eine neutrale Haltung echt möglich ist. Ohne Mitte erzwingst Du eine Tendenz.
- Ein einzelnes Likert-Item ist ordinal. Der Mittelwert mehrerer Items einer Skala wird in der Praxis meist als quasi-metrisch behandelt.
- Vor der Skalenbildung musst Du negativ formulierte Items umpolen und die interne Konsistenz (Cronbachs Alpha) prüfen.
Was ist eine Likert-Skala?
Die Likert-Skala geht auf den Sozialpsychologen Rensis Likert zurück, der sie 1932 zur Messung von Einstellungen vorstellte. Streng genommen ist die Likert-Skala nicht die einzelne Antwortleiste, sondern die Summe mehrerer Items, die gemeinsam ein Konstrukt messen. Die einzelne Antwortleiste („stimme gar nicht zu“ bis „stimme voll zu“) heißt korrekt Likert-Item oder Ratingskala.
Im Alltag werden beide Begriffe oft vermischt. In Deiner Arbeit solltest Du sauber trennen: Ein Item ist eine Aussage mit Antwortformat, die Skala ist der zusammengefasste Wert mehrerer Items.
Wie viele Stufen sollte die Skala haben?
Die Zahl der Stufen ist ein Kompromiss zwischen Differenzierung und Überforderung. Forschungsübersichten zeigen, dass die Reliabilität bis etwa 7 Stufen leicht zunimmt und danach kaum noch steigt. Für Online-Umfragen auf dem Smartphone sind 5 Stufen besonders gut lesbar.
| Stufen | Vorteile | Nachteile | Einsatz |
|---|---|---|---|
| 4 oder 6 | keine Mitte, zwingt zur Tendenz | Befragte ohne Meinung werden zur Wahl gedrängt | wenn Neutralität kaum plausibel ist |
| 5 | leicht verständlich, gut mobil darstellbar, Standard | etwas weniger fein | die meisten Abschlussarbeiten |
| 7 | feinere Abstufung, etwas höhere Reliabilität | mehr Lesezeit, auf kleinen Bildschirmen enger | erfahrene Befragte, feine Unterschiede |
| 10 oder 11 | sehr fein, vertraut aus Bewertungen | Abstufungen schwer unterscheidbar | Weiterempfehlung, Zufriedenheitswerte |
Mit oder ohne Mittelkategorie?
Eine ungerade Stufenzahl hat eine Mitte („teils, teils“, „weder noch“). Das ist ehrlich, wenn Befragte wirklich unentschieden sein können. Die Mitte wird aber auch als Fluchtkategorie genutzt: Wer keine Lust hat nachzudenken oder keine Meinung hat, kreuzt die Mitte an. Damit vermischen sich Unentschiedenheit und Ahnungslosigkeit.
Eine bewährte Lösung: Behalte die Mitte, aber biete zusätzlich eine Option „weiß nicht“ oder „kann ich nicht beurteilen“ an, die neben der Skala steht und nicht in die Berechnung eingeht. So trennst Du neutrale Haltung von fehlendem Wissen.
Gute Likert-Items formulieren
Die Qualität der Skala hängt an den Items. Beachte diese Regeln:
- Jedes Item ist eine klare Aussage, keine Frage.
- Nur ein Gedanke pro Item.
- Keine extremen Formulierungen wie „immer“ oder „nie“, die kaum jemand voll bejaht.
- Ein Teil der Items wird negativ formuliert, um Zustimmungstendenz (Akquieszenz) zu erkennen. Vermeide dabei doppelte Verneinungen.
- Verbalisiere alle Stufen oder mindestens die Endpunkte. Vollständig beschriftete Skalen werden einheitlicher verstanden.
- Halte Reihenfolge und Richtung der Antwortskala im ganzen Fragebogen gleich (z. B. immer links Ablehnung, rechts Zustimmung).
| Stufe | 5-stufig | 7-stufig |
|---|---|---|
| 1 | stimme gar nicht zu | stimme überhaupt nicht zu |
| 2 | stimme eher nicht zu | stimme nicht zu |
| 3 | teils, teils | stimme eher nicht zu |
| 4 | stimme eher zu | teils, teils |
| 5 | stimme voll zu | stimme eher zu |
| 6 | stimme zu | |
| 7 | stimme voll und ganz zu |
Die Skalenniveau-Debatte: ordinal oder metrisch?
Ein einzelnes Likert-Item ist streng genommen ordinal: Die Stufen haben eine Rangfolge, aber niemand garantiert, dass der Abstand zwischen „eher nicht“ und „teils, teils“ genauso groß ist wie zwischen „teils, teils“ und „eher zu“. Für ordinale Daten wären Median und nichtparametrische Tests korrekt.
In der Praxis bildest Du aber meist den Mittelwert mehrerer Items einer Skala. Dieser Skalenwert hat viele mögliche Ausprägungen und verhält sich annähernd wie eine metrische Variable. Er wird daher in Psychologie und Sozialwissenschaften üblicherweise als quasi-metrisch behandelt und mit t-Test, Korrelation oder Regression ausgewertet. Simulationsstudien zeigen, dass parametrische Verfahren bei Skalen mit mindestens 5 Stufen und mehreren Items robust sind.
Für Deine Arbeit heißt das: Werte einzelne Items eher deskriptiv mit Häufigkeiten und Median aus, Skalenmittelwerte mit parametrischen Verfahren. Begründe Deine Entscheidung in einem Satz im Methodenteil.
Likert-Daten auswerten: Schritt für Schritt
So kommst Du von Rohdaten zu berichtbaren Ergebnissen:
- 1. Fehlende Werte prüfen und „weiß nicht“ als fehlend codieren.
- 2. Negativ formulierte Items umpolen: Bei 5 Stufen gilt neuer Wert = 6 − alter Wert, bei 7 Stufen 8 − alter Wert.
- 3. Interne Konsistenz prüfen: Cronbachs Alpha je Skala berechnen (ab etwa 0,70 akzeptabel), auffällige Items mit niedriger Trennschärfe prüfen.
- 4. Skalenwert bilden: Mittelwert der Items je Person. Der Mittelwert ist der Summe vorzuziehen, weil er auf der Originalskala bleibt und fehlende Einzelwerte besser verkraftet.
- 5. Deskriptiv berichten: Mittelwert, Standardabweichung, ggf. Verteilung.
- 6. Hypothesen testen: t-Test oder ANOVA für Gruppenvergleiche, Korrelation oder Regression für Zusammenhänge.
Häufige Fragen
Ist eine Likert-Skala ordinal oder metrisch?
Ein einzelnes Likert-Item ist ordinal. Der Mittelwert mehrerer Items einer Skala wird in der Forschungspraxis meist als quasi-metrisch behandelt und mit parametrischen Verfahren ausgewertet.
5er- oder 7er-Likert-Skala, was ist besser?
Beide sind etabliert. Die 5-stufige Skala ist leichter verständlich und mobil besser lesbar, die 7-stufige differenziert etwas feiner. Für die meisten Abschlussarbeiten reicht eine 5-stufige Skala.
Sollte eine Likert-Skala eine neutrale Mitte haben?
Ja, wenn eine neutrale Haltung plausibel ist. Biete zusätzlich eine separate Option „weiß nicht“ an, damit Befragte ohne Meinung nicht die Mitte wählen.
Wie werte ich eine Likert-Skala aus?
Negativ formulierte Items umpolen, Cronbachs Alpha prüfen, je Person den Mittelwert der Items bilden und diesen deskriptiv berichten sowie mit t-Test, ANOVA, Korrelation oder Regression auswerten.
Wie polt man Items um?
Du ziehst den Rohwert von der Zahl „höchste Stufe plus eins“ ab. Bei einer 5-stufigen Skala wird 1 zu 5, 2 zu 4, 3 bleibt 3, also neuer Wert = 6 minus alter Wert.
Quellen und weiterführende Literatur
- Likert, R. (1932). A technique for the measurement of attitudes. Archives of Psychology, 22(140), 1–55.
- Döring, N. (2023). Forschungsmethoden und Evaluation in den Sozial- und Humanwissenschaften (6. Aufl.). Springer.
Was an Deiner Hochschule gilt, steht in Prüfungsordnung und Leitfaden Deines Fachs — die haben immer Vorrang.
Passt dazu
- Fragebogen erstellenEin guter Fragebogen ist kurz (10–15 Minuten), klar formuliert und logisch aufgebaut: Einleitung, Hauptteil nach Themen, Soziodemografie am Ende.
- SkalenniveausDas Skalenniveau sagt, was Deine Zahlen bedeuten: nominal (Kategorien), ordinal (Rangfolge), intervall (gleiche Abstände) oder verhältnis (echter Nullpunkt).
- Cronbachs AlphaCronbachs Alpha misst, wie einheitlich die Items einer Skala dasselbe Merkmal erfassen. Werte ab 0,7 gelten als akzeptabel, ab 0,8 als gut.
- OperationalisierungOperationalisieren heißt, ein abstraktes Konstrukt messbar zu machen: Du legst Dimensionen, Indikatoren und konkrete Items mit Antwortformat fest.
- Mittelwert, Median, ModusDer Mittelwert ist der Durchschnitt, der Median der mittlere Wert der sortierten Daten, der Modus der häufigste Wert. Bei Ausreißern ist der Median robuster.