Prokrastination im Studium: Warum Du aufschiebst und was hilft
Fachlich verantwortet von Prof. Dr. Alexander Holtermann · Stand 16.10.2026 · 5 Min. Lesezeit
Aufschieben ist ein Problem der Gefühlsregulation, nicht der Faulheit. Wenn-dann-Pläne, winzige erste Schritte und feste Arbeitsblöcke helfen.
Das Wichtigste in Kürze
- Prokrastination ist im Studium sehr verbreitet: Laut Steel (2007) schieben 80 bis 95 % der Studenten auf, fast die Hälfte regelmäßig und mit Folgen.
- Aufgeschoben wird vor allem, was unangenehm, unklar oder weit entfernt ist. Je impulsiver jemand ist, desto stärker wirkt die Ablenkung.
- Wenn-dann-Pläne (Implementierungsintentionen) legen fest, wann und wo Du anfängst, und erhöhen die Umsetzung deutlich.
- Der erste Schritt muss so klein sein, dass er lächerlich wirkt: Datei öffnen, eine Überschrift schreiben, fünf Minuten lesen.
- Feste Arbeitsblöcke wie die Pomodoro-Technik (25 Minuten Arbeit, 5 Minuten Pause) machen große Aufgaben greifbar.
Was ist Prokrastination?
Prokrastination bedeutet, eine geplante Aufgabe freiwillig aufzuschieben, obwohl Du weißt, dass der Aufschub Dir schadet. Der letzte Teil ist entscheidend: Wer eine Aufgabe bewusst verschiebt, weil etwas Wichtigeres ansteht, prokrastiniert nicht. Wer stattdessen die Wohnung putzt, obwohl die Hausarbeit drängt, schon.
Piers Steel hat 2007 in einer großen Metaanalyse die Forschung zum Aufschieben zusammengefasst. Seine Schätzung: 80 bis 95 % der Studenten prokrastinieren, rund 75 % halten sich selbst für Aufschieber und fast die Hälfte tut es regelmäßig und problematisch. Du bist also in großer Gesellschaft. Das heißt aber nicht, dass man nichts tun kann.
Warum schieben wir auf? Die Ursachen
Steel beschreibt Aufschieben mit einer einfachen Gleichung, der Temporal Motivation Theory. Die Motivation für eine Aufgabe steigt mit der Erwartung, sie zu schaffen, und mit ihrem Wert, und sinkt mit der eigenen Impulsivität und mit der Verzögerung bis zur Belohnung.
Motivation = (Erwartung × Wert) / (Impulsivität × Verzögerung)
Die Formel erklärt typische Situationen: Eine Hausarbeit mit Abgabe in acht Wochen hat eine große Verzögerung, also geringe Motivation. Die Serie auf dem Handy belohnt sofort. Erst wenn die Abgabe näher rückt, kippt das Verhältnis. Dazu kommen Gefühle: Aufgaben, die langweilig, unklar oder mit Angst vor Versagen verbunden sind, vermeiden wir, weil das Aufschieben kurzfristig erleichtert.
| Faktor | Typische Situation | Ansatzpunkt |
|---|---|---|
| geringe Erwartung | „Das schaffe ich eh nicht.“ | Aufgabe in kleine, machbare Schritte zerlegen |
| geringer Wert | „Das Fach interessiert mich nicht.“ | persönlichen Bezug suchen, Belohnung koppeln |
| hohe Impulsivität | Handy und Benachrichtigungen | Umgebung gestalten, Ablenkungen entfernen |
| große Verzögerung | Abgabe erst in zwei Monaten | eigene Zwischentermine setzen |
Strategie 1: Wenn-dann-Pläne (Implementierungsintentionen)
Ein Vorsatz wie „Ich will mehr lernen“ scheitert, weil er offenlässt, wann und wo. Der Psychologe Peter Gollwitzer hat gezeigt, dass Menschen Ziele häufiger umsetzen, wenn sie sie als Wenn-dann-Plan formulieren: „Wenn Situation X eintritt, dann tue ich Y.“ Er nennt das Implementierungsintention (Gollwitzer, 1999).
Der Plan verknüpft das Verhalten mit einem Auslöser. Sobald die Situation eintritt, startet die Handlung fast automatisch, ohne dass Du jedes Mal neu entscheiden musst. Das spart genau die Willenskraft, die Aufschieber am Anfang fehlt.
- „Wenn ich am Montag um 9 Uhr in der Bibliothek sitze, dann öffne ich zuerst die Datei für die Hausarbeit.“
- „Wenn ich nach dem Mittagessen zurück am Schreibtisch bin, dann lege ich das Handy in die Tasche und lerne 25 Minuten Statistik.“
- „Wenn ich merke, dass ich zum Handy greife, dann schreibe ich stattdessen den nächsten Satz.“
Strategie 2: Winzige erste Schritte
Der schwerste Moment ist der Anfang. Große, diffuse Aufgaben wie „Hausarbeit schreiben“ lösen Widerstand aus, weil nicht klar ist, wo man beginnt. Zerlege sie deshalb in Schritte, die höchstens 15 bis 30 Minuten dauern und ein sichtbares Ergebnis haben.
Noch wirksamer ist ein absichtlich lächerlich kleiner Startschritt: „Ich lese nur die Einleitung“ oder „Ich schreibe nur fünf Minuten“. Ist der Anfang gemacht, arbeitest Du oft weiter, weil angefangene Aufgaben im Kopf bleiben und nach Abschluss drängen.
Strategie 3: Die Pomodoro-Technik
Die Pomodoro-Technik geht auf Francesco Cirillo zurück und ist einfach: Du stellst einen Wecker auf 25 Minuten und arbeitest an genau einer Aufgabe. Dann folgt eine Pause von 5 Minuten. Nach vier solchen Einheiten machst Du eine längere Pause von 15 bis 30 Minuten.
Die Technik hilft gegen Aufschieben, weil 25 Minuten überschaubar sind. Niemand muss sich zu „den ganzen Tag lernen“ überwinden, nur zu einer Einheit. Die festen Pausen verhindern außerdem, dass Du erschöpft aufgibst. Notiere Ablenkungen, die Dir während einer Einheit einfallen, kurz auf einem Zettel und kümmere Dich in der Pause darum.
Pass die Länge an Dich an. Manche arbeiten besser mit 50 Minuten Arbeit und 10 Minuten Pause. Wichtig ist der feste Rahmen, nicht die genaue Zahl.
Weitere Strategien, die nachweislich helfen
Neben den drei Kernstrategien gibt es einige Stellschrauben, die viele Aufschieber unterschätzen.
- Umgebung gestalten: Handy in einen anderen Raum, Benachrichtigungen aus, eigener Lernort ohne Bett und Fernseher.
- Eigene Zwischentermine setzen: Verbindliche Termine mit anderen, etwa in einer Lerngruppe, verkürzen die Verzögerung.
- Belohnung koppeln: Erst ein Lernblock, dann die Serie. So bekommt die unangenehme Aufgabe einen Sofortnutzen.
- Freundlich mit Dir sein: Selbstvorwürfe nach einem verlorenen Tag erhöhen den Druck und damit das nächste Aufschieben. Neu anfangen ist besser als grübeln.
- Unklarheit beseitigen: Oft schiebst Du auf, weil Du nicht weißt, was genau verlangt ist. Eine kurze Frage an den Dozenten löst manchmal wochenlangen Stillstand.
Wann Aufschieben ein Fall für professionelle Hilfe ist
Gelegentliches Aufschieben ist normal. Bedenklich wird es, wenn Du wiederholt Prüfungen verpasst, Abgaben nicht einreichst, Dein Studium in Gefahr gerät oder Du Dich wegen des Aufschiebens dauerhaft schlecht fühlst. Manchmal steckt hinter starkem Aufschieben auch eine Depression, eine Angststörung oder eine Aufmerksamkeitsstörung.
Dann lohnt sich ein Gespräch mit der psychologischen Beratungsstelle Deiner Hochschule oder des Studentenwerks. Die Beratung ist für Studenten kostenlos und vertraulich. Einige Hochschulen bieten auch eigene Gruppenprogramme gegen Prokrastination an.
Häufige Fragen
Was hilft sofort gegen Prokrastination?
Ein winziger erster Schritt mit festem Zeitrahmen: Stell einen Wecker auf 25 Minuten und beginne mit etwas, das kaum Überwindung kostet, etwa die Datei zu öffnen und eine Überschrift zu schreiben.
Ist Prokrastination Faulheit?
Nein. Faule Menschen wollen nichts tun. Aufschieber wollen die Aufgabe erledigen, vermeiden sie aber, weil sie unangenehme Gefühle auslöst. Es ist ein Problem der Selbstregulation.
Was ist eine Implementierungsintention?
Ein Wenn-dann-Plan, der festlegt, in welcher Situation Du eine Handlung ausführst, etwa: „Wenn ich um 9 Uhr am Schreibtisch sitze, dann lerne ich 25 Minuten.“
Funktioniert die Pomodoro-Technik wirklich?
Für viele ja, weil kurze Einheiten den Einstieg erleichtern und Pausen Erschöpfung vorbeugen. Pass die Länge an Dich an, wenn 25 Minuten zu kurz oder zu lang sind.
Wo bekomme ich Hilfe, wenn ich ständig aufschiebe?
Bei der psychologischen Beratung Deiner Hochschule oder des Studentenwerks. Die Beratung ist kostenlos, vertraulich und kennt das Thema sehr gut.
Quellen und weiterführende Literatur
- Steel, P. (2007). The nature of procrastination: A meta-analytic and theoretical review of quintessential self-regulatory failure. Psychological Bulletin, 133(1), 65–94.
- Gollwitzer, P. M. (1999). Implementation intentions: Strong effects of simple plans. American Psychologist, 54(7), 493–503.
- Cirillo, F. (2018). The Pomodoro Technique. Currency.
Was an Deiner Hochschule gilt, steht in Prüfungsordnung und Leitfaden Deines Fachs — die haben immer Vorrang.
Passt dazu
- Zeitmanagement im StudiumPlan jede Woche in 20 Minuten: feste Termine eintragen, Prioritäten setzen, Lernblöcke reservieren und Puffer lassen, auch mit Nebenjob.
- Motivation im StudiumMotivation wächst, wenn Du Autonomie, Kompetenz und Zugehörigkeit erlebst. Eigene Ziele, sichtbare Fortschritte und Lernpartner stärken alle drei.
- Lernplan erstellenPlane vom Prüfungstermin rückwärts, teile den Stoff in Blöcke, verteile Wiederholungen über mehrere Tage und halte 20 % der Zeit als Puffer frei.
- PrüfungsangstPrüfungsangst ist häufig und behandelbar. Gute Vorbereitung, Atemübungen und Sorgen aufschreiben helfen. Bei starker Angst: Beratung der Hochschule.
- Hausarbeit schreibenEine Hausarbeit entsteht in acht Schritten: Thema, Frage, Literatur, Gliederung, Rohfassung, Überarbeitung, Formalia, Abgabe. Plane rund 4 bis 6 Wochen ein.