Ergebnisteil einer qualitativen Arbeit schreiben: Aufbau, Zitate
Fachlich verantwortet von Prof. Dr. Alexander Holtermann · Stand 16.10.2026 · 5 Min. Lesezeit
Den qualitativen Ergebnisteil gliederst Du nach Kategorien oder Themen, belegst mit Zitaten und interpretierst; Literaturvergleich erst in der Diskussion.
Das Wichtigste in Kürze
- Gliedere den Ergebnisteil nach Deinen Hauptkategorien oder Themen, nicht nach Interviews und nicht nach Leitfadenfragen.
- Jedes Unterkapitel folgt dem Muster Aussage, Beleg, Einordnung: Was zeigt sich, woran sieht man es, was bedeutet es?
- Zitate sind Belege, keine Füllung: Wähle wenige, prägnante Stellen, leite sie ein und interpretiere sie.
- Häufigkeiten sind erlaubt, wenn sie der Orientierung dienen („bei neun von zwölf Befragten“), aber keine Prozentangaben bei kleinen Fallzahlen und kein Ersatz für Inhalt.
- Im Ergebnisteil interpretierst Du das Material; in der Diskussion vergleichst Du mit der Literatur, beantwortest die Forschungsfrage und benennst Grenzen.
Was der qualitative Ergebnisteil leisten muss
Im Ergebnisteil zeigst Du, was Deine Analyse ergeben hat. Bei einer quantitativen Arbeit sind das Kennwerte, Tests und Tabellen. Bei einer qualitativen Arbeit ist es eine verdichtete, belegte Beschreibung dessen, was die Befragten zu Deiner Forschungsfrage gesagt haben, und wie sich das interpretieren lässt. Gutachter achten auf drei Dinge: Ist die Darstellung systematisch (folgt sie dem Kategoriensystem)? Ist sie belegt (sind die Aussagen im Material verankert)? Und ist sie analytisch (geht sie über das Nacherzählen hinaus)?
Der häufigste Fehler ist ein Ergebnisteil, der aus aneinandergereihten Zitaten besteht, verbunden durch Sätze wie „B3 sagt dazu Folgendes“. Das ist Rohmaterial, kein Ergebnis. Der zweithäufigste: ein Ergebnisteil, der schon Literatur diskutiert und damit der Diskussion vorgreift.
Aufbau: nach Kategorien gliedern
Die naheliegende und meist beste Gliederung folgt Deinem Kategoriensystem: ein Unterkapitel je Hauptkategorie oder Thema, darin Abschnitte zu den Unterkategorien. Beginne mit einem kurzen Überblick über die Stichprobe und das Kategoriensystem. Am Ende kann ein Abschnitt zu Zusammenhängen zwischen Kategorien oder zu Fallvergleichen stehen.
| Kapitel | Inhalt in Leas Arbeit | Umfang (Bachelorarbeit) |
|---|---|---|
| 4 Ergebnisse | kurze Einleitung, Übersicht über die Befragten und das Kategoriensystem (Tabelle) | ca. 1 Seite |
| 4.1 Motive für den Nebenjob | finanzielle Notwendigkeit, Berufserfahrung, Unabhängigkeit, soziale Kontakte | 2–3 Seiten |
| 4.2 Belastungen | Erschöpfung, Zeitkonflikte, soziale Folgen im Studium, emotionale Belastung | 3–4 Seiten |
| 4.3 Bewältigungsstrategien | Zeitplanung, Prioritäten, Unterstützung, Abstriche | 3–4 Seiten |
| 4.4 Rolle von Hochschule und Arbeitgeber | flexible Schichtplanung, fehlende Rücksicht, Hochschulangebote | 2 Seiten |
| 4.5 Zusammenhänge | Planbarkeit des Jobs als Schlüssel; Typen von Nebenjobbern | 2 Seiten |
Das Muster für jeden Abschnitt: Aussage, Beleg, Einordnung
Jeder Abschnitt zu einer Kategorie folgt einem einfachen Muster. Zuerst formulierst Du die Aussage: Was zeigt sich in dieser Kategorie? Dann folgt der Beleg: ein oder zwei Zitate oder eine zusammenfassende Beschreibung mit Fundstellen. Schließlich die Einordnung: Was bedeutet das, welche Unterschiede gibt es zwischen den Befragten, wie hängt es mit anderen Kategorien zusammen?
Zitate auswählen und einbinden
Zitate machen Deinen Ergebnisteil lebendig und überprüfbar. Zu viele Zitate machen ihn unlesbar. Als Faustregel gilt: höchstens ein bis zwei Zitate pro Unterkategorie, und der eigene Text sollte deutlich überwiegen. Wähle Zitate, die eine Aussage besonders prägnant auf den Punkt bringen, und verweise für weitere Belege auf Fundstellen.
- Zitat immer einleiten („B9 beschreibt die Klausurenphase als Ausnahmezustand:“) und danach deuten
- Fundstelle nach jedem Zitat: (B9, Z. 33) oder (B9, Abs. 12)
- Kurze Zitate in den Satz einbauen, lange Zitate als eingerückter Block
- Kürzen mit […], aber nie sinnentstellend
- Zitate verschiedener Befragter nutzen, nicht immer dieselben zwei Interviews
- Abweichende Stimmen zeigen: Wer sieht es anders und warum?
- Vor dem Zitieren prüfen, ob die Stelle trotz Anonymisierung Rückschlüsse auf die Person erlaubt
Häufigkeiten: ja oder nein?
Ob Häufigkeiten in einen qualitativen Ergebnisteil gehören, ist umstritten. Mayring sieht quantitative Schritte ausdrücklich vor. Kuckartz und Rädiker halten sie für möglich, aber nachrangig. In der reflexiven thematischen Analyse spielen sie keine Rolle. Ein guter Mittelweg für Abschlussarbeiten: Häufigkeiten zur Orientierung ja, als Hauptergebnis nein.
| sinnvoll | problematisch |
|---|---|
| „Neun der zwölf Befragten nennen finanzielle Notwendigkeit als Hauptmotiv.“ | „75 % der Befragten arbeiten aus finanzieller Notwendigkeit.“ (Prozent bei n = 12 suggeriert Repräsentativität) |
| Tabelle: Kategorie × Anzahl Interviews, in denen sie vorkommt | Tabelle: Anzahl Codierungen je Kategorie als Rangliste der Wichtigkeit |
| „Nur zwei Befragte, beide Werkstudenten, berichten von Unterstützung durch den Arbeitgeber.“ | „Unterstützung durch den Arbeitgeber spielt keine Rolle (2 Nennungen).“ |
Interpretation im Ergebnisteil, Diskussion danach
Die Grenze zwischen Ergebnisteil und Diskussion bereitet vielen Schwierigkeiten, weil qualitative Ergebnisse immer schon Interpretation sind. Eine praktikable Trennung: Im Ergebnisteil interpretierst Du das Material selbst — Muster, Unterschiede, Zusammenhänge innerhalb Deiner Daten. In der Diskussion setzt Du diese Ergebnisse in Beziehung zu Theorie und Forschungsstand, beantwortest die Forschungsfrage, leitest Folgerungen ab und reflektierst Grenzen.
| gehört in den Ergebnisteil | gehört in die Diskussion |
|---|---|
| Beschreibung der Kategorien mit Belegen | Vergleich mit Studien und Theorien |
| Muster und Unterschiede zwischen Befragten | Erklärung der Muster mit Hilfe der Literatur |
| Zusammenhänge zwischen Kategorien im Material | Beantwortung der Forschungsfrage |
| Typen oder Fallvergleiche | Implikationen für Praxis und Forschung |
| kurze Zwischenfazits je Kapitel | Grenzen der Studie, Gütekriterien |
Typische Fehler und wie Du sie vermeidest
Viele Ergebnisteile scheitern an denselben Punkten. Prüfe Deinen Entwurf mit dieser Liste, bevor Du ihn abgibst.
- Zitat-Collage: mehr Zitate als eigener Text → Zitate kürzen, Aussagen selbst formulieren
- Nacherzählen statt Analysieren: „B1 sagt …, B2 sagt …“ → nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden ordnen
- Gliederung nach Leitfadenfragen: → nach Kategorien oder Themen gliedern
- Literatur im Ergebnisteil: → in die Diskussion verschieben
- Scheinpräzision: Prozentwerte bei zwölf Interviews → Anzahlen oder Mengenwörter wie „die meisten“, „einzelne“
- Nur Bestätigendes: abweichende Fälle verschwiegen → Gegenbeispiele zeigen und erklären
- Keine Verbindung zur Forschungsfrage: → jedes Kapitel mit einem Satz zur Frage abschließen
Häufige Fragen
Wie schreibe ich den Ergebnisteil einer qualitativen Arbeit?
Gliedere nach Hauptkategorien oder Themen, beschreibe in jedem Abschnitt, was sich zeigt, belege es mit Zitaten und Fundstellen und interpretiere es. Literaturvergleiche gehören in die Diskussion.
Wie viele Zitate gehören in den Ergebnisteil?
Als Faustregel ein bis zwei pro Unterkategorie. Der eigene, analysierende Text sollte deutlich überwiegen.
Darf ich Häufigkeiten in einer qualitativen Arbeit angeben?
Ja, zur Orientierung, etwa „bei neun von zwölf Befragten“. Vermeide Prozentangaben bei kleinen Fallzahlen und mach Häufigkeiten nicht zum Hauptergebnis.
Was ist der Unterschied zwischen Ergebnisteil und Diskussion bei qualitativer Forschung?
Im Ergebnisteil interpretierst Du das eigene Material. In der Diskussion vergleichst Du mit der Literatur, beantwortest die Forschungsfrage und benennst Grenzen.
Wie lang ist der Ergebnisteil einer qualitativen Bachelorarbeit?
Meist 25 bis 35 % des Textteils, bei 40 Seiten also etwa 10 bis 14 Seiten. Maßgeblich sind die Vorgaben Deiner Hochschule.
Quellen und weiterführende Literatur
- Kuckartz, U. & Rädiker, S. (2022). Qualitative Inhaltsanalyse. Methoden, Praxis, Computerunterstützung (5. Aufl.). Beltz Juventa.
- Mayring, P. (2022). Qualitative Inhaltsanalyse. Grundlagen und Techniken (13. Aufl.). Beltz.
- Braun, V. & Clarke, V. (2006). Using thematic analysis in psychology. Qualitative Research in Psychology, 3(2), 77–101.
Was an Deiner Hochschule gilt, steht in Prüfungsordnung und Leitfaden Deines Fachs — die haben immer Vorrang.
Passt dazu
- Interviews auswertenInterviews wertest Du in sieben Schritten aus: transkribieren, anonymisieren, Methode wählen, Kategorien bilden, codieren, analysieren, Ergebnisse schreiben.
- Inhaltsanalyse nach KuckartzKuckartz und Rädiker unterscheiden inhaltlich strukturierende, evaluative und typenbildende Inhaltsanalyse. Meist genutzt: die strukturierende in sieben Phasen.
- Aufbau BachelorarbeitEine Bachelorarbeit gliedert sich in Einleitung, Theorie, Methode, Ergebnisse, Diskussion und Fazit. Der Hauptteil macht rund 80 % des Textes aus.
- Fazit schreibenDas Fazit beantwortet die Forschungsfrage direkt, fasst die wichtigsten Ergebnisse zusammen, nennt Grenzen und gibt einen Ausblick, ohne neue Inhalte.
- Wissenschaftlicher SchreibstilWissenschaftlich schreiben heißt präzise, sachlich, belegt und verständlich schreiben. Kurze Sätze und klare Begriffe schlagen verschachtelten Fachjargon.
- Kolloquium vorbereitenIm Kolloquium stellst Du Deine Arbeit in 15 bis 20 Minuten vor und beantwortest Fragen. Übe den Vortrag laut und bereite Antworten auf Kritik vor.