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Qualitative Inhaltsanalyse nach Kuckartz: sieben Phasen mit Beispiel

Fachlich verantwortet von Prof. Dr. Alexander Holtermann · Stand 16.10.2026 · 6 Min. Lesezeit

Kuckartz und Rädiker unterscheiden inhaltlich strukturierende, evaluative und typenbildende Inhaltsanalyse. Meist genutzt: die strukturierende in sieben Phasen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Kuckartz und Rädiker beschreiben drei Basismethoden: die inhaltlich strukturierende, die evaluative und die typenbildende qualitative Inhaltsanalyse.
  • Die inhaltlich strukturierende Analyse läuft in sieben Phasen ab: initiierende Textarbeit, Hauptkategorien entwickeln, erster Codierprozess, Subkategorien induktiv bilden, zweiter Codierprozess, Analysen, Ergebnisse verschriftlichen.
  • Typisch ist das deduktiv-induktive Vorgehen: Hauptkategorien oft aus Leitfaden und Theorie, Subkategorien aus dem Material.
  • Die Forschungsfrage steht im Zentrum aller Phasen; der Ablauf ist nicht streng linear, sondern zirkulär.
  • Fallzusammenfassungen und die Themenmatrix aus Fällen und Kategorien verbinden die fallorientierte mit der kategorienorientierten Sicht.

Was ist die qualitative Inhaltsanalyse nach Kuckartz?

Udo Kuckartz hat — seit der 5. Auflage 2022 gemeinsam mit Stefan Rädiker — eine Form der qualitativen Inhaltsanalyse ausgearbeitet, die heute in vielen Sozial-, Bildungs- und Gesundheitswissenschaften Standard ist. Das Lehrbuch „Qualitative Inhaltsanalyse. Methoden, Praxis, Computerunterstützung“ legt großen Wert auf praktische Umsetzbarkeit und auf die Arbeit mit QDA-Software.

Wie bei Mayring steht ein Kategoriensystem im Mittelpunkt, und das Vorgehen ist systematisch und regelgeleitet. Der Unterschied liegt im Selbstverständnis: Kuckartz und Rädiker betonen stärker die hermeneutische Textarbeit und das Verstehen des einzelnen Falls. Am Anfang stehen eine intensive Lektüre, schreiben Memos und Fallzusammenfassungen und verbinden am Ende kategorienbezogene und fallbezogene Auswertungen. Quantitative Elemente sind möglich, spielen aber eine kleinere Rolle als bei Mayring.

Ein weiterer Unterschied: Die Phasen sind nicht als strenge Abfolge gedacht. Die Forschungsfrage steht in der Mitte des Ablaufschemas, und Du kehrst immer wieder zu ihr zurück. Kategorien dürfen sich während der Analyse verändern, solange Du die Änderungen dokumentierst.

Drei Basismethoden im Überblick

Kuckartz und Rädiker unterscheiden drei Basismethoden. Die drei lassen sich kombinieren: Häufig bildet die inhaltlich strukturierende Analyse das Fundament, auf dem eine evaluative oder typenbildende Analyse aufbaut.

BasismethodeLeitfrageErgebnisBeispiel aus Leas Studie
inhaltlich strukturierendWelche Themen und Unterthemen kommen vor, und was wird dazu gesagt?Kategoriensystem mit Haupt- und Subkategorien, kategorienbasierte BeschreibungWelche Belastungen und Strategien schildern die Befragten?
evaluativWie stark ist ein Merkmal bei jedem Fall ausgeprägt?Einschätzung jedes Falls auf ordinalen Ausprägungen, Fallvergleiche, KreuztabellenWie hoch ist die erlebte Belastung bei B1 bis B12 (hoch, mittel, gering)?
typenbildendWelche Muster lassen sich über Fälle hinweg zu Typen verdichten?Typologie mit Typbeschreibungen und Zuordnung jedes FallsWelche Typen von Nebenjobbern gibt es?

Die sieben Phasen der inhaltlich strukturierenden Inhaltsanalyse

Die inhaltlich strukturierende Analyse ist die Basismethode, die in Abschlussarbeiten am häufigsten genutzt wird. In der 5. Auflage beschreiben Kuckartz und Rädiker sie in sieben Phasen. Dabei werden die Hauptkategorien zuerst festgelegt und das Material zweimal vollständig codiert: einmal grob, einmal fein.

  • Phase 1 — Initiierende Textarbeit: Transkripte lesen, wichtige Stellen markieren, Memos schreiben, Fallzusammenfassungen anlegen.
  • Phase 2 — Thematische Hauptkategorien entwickeln: meist aus Forschungsfrage, Theorie und Interviewleitfaden, ergänzt um Themen aus der ersten Lektüre.
  • Phase 3 — Erster Codierprozess: das gesamte Material Abschnitt für Abschnitt mit den Hauptkategorien codieren.
  • Phase 4 — Subkategorien induktiv bilden: alle Stellen einer Hauptkategorie zusammenstellen und daraus Subkategorien am Material entwickeln, definieren und mit Beispielen versehen.
  • Phase 5 — Zweiter Codierprozess: das gesamte Material mit dem ausdifferenzierten Kategoriensystem erneut codieren.
  • Phase 6 — Einfache und komplexe Analysen: kategorienbasierte Auswertung, Zusammenhänge zwischen Kategorien, Fallvergleiche, Tabellen und Visualisierungen.
  • Phase 7 — Ergebnisse verschriftlichen, Vorgehen dokumentieren: Ergebnisteil schreiben, Kategoriensystem und Ablauf transparent machen.

Phase 1 im Detail: Memos und Fallzusammenfassungen

Viele Studenten überspringen die initiierende Textarbeit, weil sie direkt codieren wollen. Das ist ein Fehler. In Phase 1 lernst Du jedes Interview als Ganzes kennen, bevor Du es in Stücke zerlegst. Du markierst auffällige Begriffe, notierst erste Ideen als Memos und schreibst zu jedem Fall eine Fallzusammenfassung: eine knappe, faktenorientierte Darstellung dessen, was für die Forschungsfrage wichtig ist.

Kuckartz und Rädiker empfehlen, Fallzusammenfassungen in Stichpunkten oder wenigen Sätzen zu halten und sie auf die Forschungsfrage zu beziehen. Fallzusammenfassungen helfen Dir später, Kategorien nicht losgelöst vom Fall zu interpretieren, und sie sind die Grundlage für Fallvergleiche und Typenbildung.

Analysen in Phase 6: kategorienbasiert und fallbezogen

Nach dem zweiten Codierprozess liegt ein vollständig codiertes Material vor. Jetzt beginnt die eigentliche Auswertung. Kuckartz und Rädiker nennen verschiedene Analyseformen, die Du je nach Forschungsfrage kombinierst. Ein zentrales Hilfsmittel ist die Themenmatrix: Fälle in den Zeilen, Kategorien in den Spalten, in den Zellen die codierten Stellen oder deren Zusammenfassung (thematische Summarys).

AnalyseformWas Du tustErgebnis im Text
kategorienbasierte Auswertungje Hauptkategorie beschreiben, was gesagt wurde, gegliedert nach SubkategorienUnterkapitel je Hauptkategorie
Zusammenhänge innerhalb einer HauptkategorieSubkategorien miteinander in Beziehung setzenz. B. Zeitplanung tritt oft gemeinsam mit Prioritäten setzen auf
Zusammenhänge zwischen Hauptkategorienprüfen, ob bestimmte Belastungen mit bestimmten Strategien einhergehenKreuztabelle oder Beschreibung von Mustern
Fallvergleicheausgewählte Fälle in Tabellen gegenüberstellenFallübersicht, Kontrastierung
VisualisierungenThemenmatrix, Diagramme, KonzeptkartenAbbildungen im Ergebnisteil

Evaluative und typenbildende Inhaltsanalyse

Bei der evaluativen Inhaltsanalyse schätzt Du die Fälle auf ausgewählten Kategorien ein. Du legst evaluative Kategorien mit Ausprägungen fest (z. B. Belastung: hoch, mittel, gering, nicht einschätzbar), definierst jede Ausprägung mit Beispielen und ordnest dann jeden Fall einer Ausprägung zu. Das Ergebnis lässt sich tabellarisch darstellen und mit anderen Merkmalen verknüpfen, etwa der wöchentlichen Arbeitszeit.

Bei der typenbildenden Inhaltsanalyse definierst Du einen Merkmalsraum aus zwei oder mehr Dimensionen und gruppierst die Fälle so, dass sie innerhalb eines Typs möglichst ähnlich und zwischen den Typen möglichst verschieden sind. Kuckartz und Rädiker unterscheiden unter anderem merkmalshomogene, merkmalsheterogene (polythetische) und reduzierte Typen.

Gütekriterien und Dokumentation

Kuckartz und Rädiker unterscheiden zwischen interner Studiengüte (Glaubwürdigkeit, Zuverlässigkeit, Nachvollziehbarkeit) und externer Studiengüte (Übertragbarkeit, Verallgemeinerbarkeit). Für die Zuverlässigkeit empfehlen sie, dass mindestens zwei Personen unabhängig codieren und Abweichungen besprechen: das konsensuelle Codieren. Wo das in einer Abschlussarbeit nicht möglich ist, kannst Du eine zweite Person einen Teil des Materials codieren lassen oder Dein eigenes Codieren nach einigen Wochen wiederholen.

Dokumentiere im Methodenteil und im Anhang: Kategoriensystem mit Definitionen und Beispielen (Codebuch), Codierregeln, Änderungen am System und deren Begründung. Mit dem Werkzeug Codieren legst Du Haupt- und Unterkategorien an, codierst Textstellen, hältst Memos fest und exportierst Codebuch, Textstellen und Themenmatrix als Grundlage für Ergebnisteil und Anhang.

Häufige Fragen

Was sind die sieben Phasen nach Kuckartz?

Initiierende Textarbeit, Hauptkategorien entwickeln, erster Codierprozess, Subkategorien induktiv bilden, zweiter Codierprozess, einfache und komplexe Analysen, Ergebnisse verschriftlichen und Vorgehen dokumentieren.

Ist Kuckartz deduktiv oder induktiv?

Meist beides: Hauptkategorien werden häufig deduktiv aus Theorie und Leitfaden abgeleitet, Subkategorien induktiv aus dem Material. Kuckartz und Rädiker beschreiben aber auch rein induktive Varianten.

Was ist eine Fallzusammenfassung?

Eine knappe, auf die Forschungsfrage bezogene Beschreibung eines einzelnen Interviews. Diese entsteht in der ersten Phase und hilft bei Fallvergleichen und der Typenbildung.

Welche Auflage von Kuckartz soll ich zitieren?

Die aktuelle 5. Auflage von 2022, die Kuckartz gemeinsam mit Stefan Rädiker verfasst hat. Achte darauf, dass die Phasen in älteren Auflagen anders benannt sind.

Was ist eine Themenmatrix?

Eine Tabelle mit den Fällen in den Zeilen und den Kategorien in den Spalten. In den Zellen stehen die codierten Stellen oder ihre Zusammenfassungen. Damit werden Vergleiche möglich über Fälle und Themen hinweg.

Muss ich für Kuckartz MAXQDA verwenden?

Nein. Kuckartz und Rädiker zeigen die Computerunterstützung oft am Beispiel von MAXQDA, die Methode funktioniert aber mit jedem QDA-Programm wie ATLAS.ti oder NVivo, mit kostenlosen Werkzeugen wie Codieren von Professor Digital oder sogar mit einer Tabelle.

Quellen und weiterführende Literatur

  • Kuckartz, U. & Rädiker, S. (2022). Qualitative Inhaltsanalyse. Methoden, Praxis, Computerunterstützung (5. Aufl.). Beltz Juventa.
  • Mayring, P. (2022). Qualitative Inhaltsanalyse. Grundlagen und Techniken (13. Aufl.). Beltz.

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