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Interviews auswerten: vom Transkript zum Ergebnisteil

Fachlich verantwortet von Prof. Dr. Alexander Holtermann · Stand 16.10.2026 · 6 Min. Lesezeit

Interviews wertest Du in sieben Schritten aus: transkribieren, anonymisieren, Methode wählen, Kategorien bilden, codieren, analysieren, Ergebnisse schreiben.

Das Wichtigste in Kürze

  • Vor der Auswertung steht die Transkription nach festen Regeln und die Anonymisierung aller Daten, die Rückschlüsse auf Personen erlauben.
  • Wähle eine benannte Auswertungsmethode — meist qualitative Inhaltsanalyse nach Kuckartz oder Mayring, seltener thematische Analyse oder Grounded Theory — und folge ihr konsequent.
  • Codieren heißt: Textstellen den Kategorien Deines Kategoriensystems zuordnen. Ein Codebuch mit Definitionen und Ankerbeispielen macht das nachvollziehbar.
  • Interviewstellen zitierst Du mit Kürzel und Fundstelle, etwa (B4, Z. 112); Auslassungen markierst Du mit […].
  • Im Ergebnisteil beschreibst Du nach Kategorien, belegst mit Zitaten und interpretierst — die Einordnung in die Literatur folgt in der Diskussion.

Überblick: die sieben Schritte

Du hast Deine Interviews geführt, die Aufnahmen liegen vor — und jetzt? Viele Studenten unterschätzen, wie viel Zeit die Auswertung braucht: Rechne für ein einstündiges Interview mit vier bis acht Stunden Transkription (ohne Hilfsmittel) und mehreren Stunden Codieren. Mit einem klaren Ablauf behältst Du den Überblick.

  • Transkribieren: Aufnahmen nach festen Regeln verschriftlichen
  • Anonymisieren: Namen, Orte, Arbeitgeber und andere identifizierende Angaben ersetzen
  • Methode wählen: qualitative Inhaltsanalyse, thematische Analyse oder Grounded Theory
  • Kategoriensystem entwickeln: deduktiv, induktiv oder gemischt; Codebuch anlegen
  • Codieren: Textstellen den Kategorien zuordnen, Memos schreiben
  • Analysieren: kategorienbezogen und fallbezogen auswerten, Muster suchen
  • Ergebnisse schreiben: Ergebnisteil nach Kategorien, mit Zitaten und Interpretation

Schritt 1 und 2: Transkription und Anonymisierung

Für eine inhaltliche Auswertung reicht meist eine einfache Transkription: wörtlich, aber sprachlich leicht geglättet, ohne Details zu Pausenlängen oder Betonungen. Dialekt wird ins Hochdeutsche übertragen, Füllwörter wie „ähm“ können entfallen. Wenn Dich interessiert, wie etwas gesagt wird, brauchst Du ein genaueres Verfahren. Wichtig ist, dass Du die Regeln vorab festlegst, im Methodenteil benennst und durchgehend anwendest.

Nummeriere Zeilen oder Absätze, damit Du später präzise zitieren kannst. Ersetze beim Anonymisieren identifizierende Angaben durch Platzhalter in eckigen Klammern, etwa [Name Arbeitgeber] oder [Großstadt in NRW]. Vergib jeder befragten Person ein Kürzel (B1 bis B12) und bewahre die Zuordnungsliste getrennt und geschützt auf.

ElementRegel in Leas Arbeit
SprecherkennzeichnungI: Interviewerin, B1 bis B12: Befragte
GlättungDialekt geglättet, Wortabbrüche und Füllwörter entfernt
Pausennur auffällige Pausen als (…)
nonverbale Äußerungenin Klammern, wenn bedeutsam: (lacht), (seufzt)
Unverständliches(unv.)
Anonymisierungeckige Klammern: [Supermarktkette], [Heimatstadt]
Nummerierungfortlaufende Zeilennummern je Transkript

Schritt 3: die passende Auswertungsmethode

Gutachter erwarten, dass Du eine benannte Methode anwendest und sie mit Deiner Forschungsfrage begründest. „Die Interviews wurden ausgewertet“ reicht nicht. Diese Tabelle hilft bei der Auswahl:

Deine Fragepassende MethodeErgebnis
Welche Themen, Erfahrungen, Sichtweisen gibt es zu X?inhaltlich strukturierende Inhaltsanalyse (Kuckartz und Rädiker)Kategoriensystem, Beschreibung nach Kategorien
Wie stark ist X bei den Befragten ausgeprägt?evaluative Inhaltsanalyse (Kuckartz und Rädiker), skalierende Strukturierung (Mayring)Einschätzung je Fall, Vergleiche
Welche neuen Kategorien ergeben sich aus dem Material?induktive Kategorienbildung (Mayring)induktives Kategoriensystem, ggf. Häufigkeiten
Welche Muster geteilter Bedeutung gibt es?thematische Analyse (Braun und Clarke)Themen mit Unterthemen
Wie entsteht X, wie gehen Menschen damit um?Grounded Theorygegenstandsbezogene Theorie

Schritt 4 bis 6: Kategorien, Codieren, Analyse

Bei einer Inhaltsanalyse nach Kuckartz und Rädiker leitest Du Hauptkategorien aus dem Leitfaden ab, codierst das Material ein erstes Mal, entwickelst Subkategorien am Material und codierst ein zweites Mal. Jede Kategorie beschreibst Du im Codebuch mit Definition, Ankerbeispiel und Kodierregel.

Beim Codieren markierst Du Sinneinheiten — meist einen bis mehrere Sätze — und ordnest sie Kategorien zu. Eine Stelle darf mehreren Kategorien zugeordnet werden, wenn sie mehrere Aspekte enthält. Halte Ideen, Auffälligkeiten und Fragen in Memos fest.

In der Analyse gehst Du über das bloße Sortieren hinaus: Was sagen die Befragten innerhalb einer Kategorie? Wo sind sie sich einig, wo widersprechen sie sich? Welche Kategorien treten gemeinsam auf? Unterscheiden sich Fälle mit bestimmten Merkmalen? Eine Themenmatrix (Fälle × Kategorien) hilft, Muster zu erkennen.

Interviewstellen richtig zitieren

Zitate aus Deinen Interviews sind Belege, keine Dekoration. Damit zeigst Du, dass Deine Aussagen im Material verankert sind. Für das Zitieren gibt es keine einheitliche Norm, aber gängige Konventionen, die Du einheitlich anwenden solltest. Lege sie zu Beginn fest und erwähne sie im Methodenteil.

  • Zitate in Anführungszeichen, Fundstelle in Klammern dahinter: „…“ (B4, Z. 112–115)
  • Alternativ Absatz statt Zeile: (B4, Abs. 23) — entscheidend ist, dass die Stelle im Transkript auffindbar ist
  • Auslassungen mit […], eigene Ergänzungen zum Verständnis in eckigen Klammern: „Da hat sie [die Schichtleiterin] gesagt …“
  • Längere Zitate (etwa ab drei Zeilen) als eingerückter Block ohne Anführungszeichen
  • Zitate nicht sprachlich „verbessern“, die Transkriptionsregeln gelten auch im Zitat
  • Kein Zitat ohne Einordnung: Leite es ein und interpretiere es danach

Schritt 7: Ergebnisse darstellen

Den Ergebnisteil gliederst Du in der Regel nach Deinen Hauptkategorien oder Themen. Jedes Unterkapitel folgt einem wiederkehrenden Muster: Aussage (was zeigt sich?), Beleg (Zitat oder zusammenfassende Beschreibung mit Fundstellen), Einordnung (was bedeutet das für die Forschungsfrage?). Eine Übersichtstabelle der Kategorien am Anfang erleichtert Gutachtern die Orientierung.

Halte Ergebnisse und Diskussion auseinander: Im Ergebnisteil interpretierst Du das Material, in der Diskussion vergleichst Du mit der Literatur und beantwortest die Forschungsfrage. Zu Häufigkeitsangaben und zur genauen Struktur gibt es einen eigenen Artikel zum qualitativen Ergebnisteil.

Was in den Anhang gehört

Der Anhang macht Deine Auswertung überprüfbar. Kläre mit Deiner Betreuung und im Hinblick auf den Datenschutz, was Du beilegen darfst. Üblich sind:

  • Interviewleitfaden
  • Transkriptionsregeln
  • Codebuch mit allen Kategorien, Definitionen, Ankerbeispielen und Kodierregeln
  • Transkripte (anonymisiert) — vollständig im Anhang oder auf einem Datenträger, wenn erlaubt
  • Einwilligungserklärung (Muster, ohne Unterschriften)
  • ggf. Auszug aus der Themenmatrix oder Codierübersicht

Häufige Fragen

Wie werte ich Interviews für die Bachelorarbeit aus?

Transkribiere und anonymisiere die Interviews, wähle eine Methode wie die qualitative Inhaltsanalyse, entwickle ein Kategoriensystem mit Codebuch, codiere alle Transkripte und beschreibe die Ergebnisse nach Kategorien mit belegenden Zitaten.

Wie zitiere ich aus Interviews?

Zitat in Anführungszeichen, danach Kürzel und Fundstelle in Klammern, etwa (B4, Z. 112). Auslassungen mit […], eigene Ergänzungen in eckigen Klammern.

Wie lange dauert die Auswertung von Interviews?

Rechne pro Stunde Interview mit vier bis acht Stunden Transkription von Hand und mehreren Stunden für Codieren und Analyse. Bei zwölf Interviews sind vier bis sechs Wochen realistisch.

Müssen die Transkripte in den Anhang?

Das regeln Prüfungsordnung und Betreuung unterschiedlich. Häufig ja, anonymisiert, oder auf einem Datenträger. Beachte die Zusagen aus Deiner Einwilligungserklärung.

Welche Methode eignet sich für die Auswertung von Experteninterviews?

Meist die inhaltlich strukturierende qualitative Inhaltsanalyse, weil Experteninterviews oft auf Sachwissen zu klar umrissenen Themen zielen.

Mit welchem Programm werte ich Interviews aus?

Verbreitet sind MAXQDA, ATLAS.ti und NVivo, oft über eine Campuslizenz. Kostenlos sind QualCoder, Taguette und Codieren von Professor Digital. Für wenige kurze Interviews reicht auch eine Tabelle; entscheidend ist eine nachvollziehbare Methode.

Quellen und weiterführende Literatur

  • Kuckartz, U. & Rädiker, S. (2022). Qualitative Inhaltsanalyse. Methoden, Praxis, Computerunterstützung (5. Aufl.). Beltz Juventa.
  • Mayring, P. (2022). Qualitative Inhaltsanalyse. Grundlagen und Techniken (13. Aufl.). Beltz.
  • Braun, V. & Clarke, V. (2006). Using thematic analysis in psychology. Qualitative Research in Psychology, 3(2), 77–101.

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