Wissenschaftlicher Schreibstil: Regeln, Beispiele und typische Fehler
Fachlich verantwortet von Prof. Dr. Alexander Holtermann · Stand 16.10.2026 · 4 Min. Lesezeit
Wissenschaftlich schreiben heißt präzise, sachlich, belegt und verständlich schreiben. Kurze Sätze und klare Begriffe schlagen verschachtelten Fachjargon.
Das Wichtigste in Kürze
- Die vier Grundregeln: präzise statt vage, sachlich statt wertend, belegt statt behauptet, verständlich statt kompliziert.
- Als Richtwert gelten 15 bis 25 Wörter pro Satz. Sätze über 30 Wörter solltest Du teilen.
- Die Ich-Form ist in vielen Fächern für das eigene Vorgehen erlaubt, etwa „Ich habe acht Interviews geführt“. Der APA-Stil empfiehlt sie sogar. Einige Institute lehnen sie ab.
- Passiv ist erlaubt, wenn der Handelnde unwichtig ist. Übermäßiges Passiv und Nominalstil machen Texte schwer lesbar.
- Jede Aussage, die nicht Allgemeinwissen oder Dein eigenes Ergebnis ist, braucht einen Beleg.
Was macht wissenschaftlichen Stil aus?
Wissenschaftlicher Stil ist kein Selbstzweck und keine Geheimsprache. Er soll sicherstellen, dass andere Deine Aussagen genau verstehen, nachprüfen und kritisieren können. Deshalb kommt es auf Präzision und Nachvollziehbarkeit an, nicht auf möglichst viele Fremdwörter.
Viele Studenten glauben, ein komplizierter Text wirke wissenschaftlicher. Das Gegenteil ist der Fall: Gutachter schätzen klare Sätze, eindeutige Begriffe und eine erkennbare Argumentation. Ein Text, den man zweimal lesen muss, um ihn zu verstehen, kostet Punkte.
Die vier Grundregeln mit Beispielen
Diese Regeln decken die meisten Stilfragen ab. Prüf Deine Sätze beim Überarbeiten gezielt auf jede einzelne.
| Regel | unwissenschaftlich | wissenschaftlich |
|---|---|---|
| präzise | Viele Studenten arbeiten nebenbei. | Rund zwei Drittel der Studenten in Deutschland sind neben dem Studium erwerbstätig (Quelle, Jahr). |
| sachlich | Das Ergebnis ist erschreckend. | Der Anteil liegt deutlich über dem Wert früherer Erhebungen. |
| belegt | Bekanntlich lernt man in Gruppen besser. | Mehrere Studien berichten Vorteile kooperativen Lernens (Quelle, Jahr; Quelle, Jahr). |
| verständlich | Die Durchführung der Erhebung der Daten erfolgte mittels Online-Befragung. | Die Daten wurden online erhoben. |
Ich-Form, man und Passiv: was ist erlaubt?
Lange galt in deutschsprachigen Arbeiten die Regel „Kein Ich“. Inzwischen ist das Bild uneinheitlich. Der APA-Stil empfiehlt ausdrücklich die erste Person für das eigene Vorgehen, weil sie klarer ist als Passivkonstruktionen. In vielen Sozial- und Geisteswissenschaften ist die Ich-Form verbreitet, in Jura, Medizin und Teilen der Wirtschaftswissenschaften eher nicht. Prüf den Leitfaden oder frag Deinen Betreuer. Lad den Leitfaden in Professor Digital hoch, dann richtet sich alles danach.
Für alle Fächer gilt: Die Ich-Form ist für Dein Vorgehen gedacht, nicht für Meinungen. „Ich habe 120 Personen befragt“ ist in Ordnung. „Ich finde, dass …“ gehört nicht in eine wissenschaftliche Arbeit. Vermeide „man“, weil unklar bleibt, wer gemeint ist, und das vermeintlich bescheidene „wir“, wenn Du allein schreibst.
- Ich-Form: „Ich analysiere im Folgenden drei Fallbeispiele.“
- Unpersönlich: „Im Folgenden werden drei Fallbeispiele analysiert.“ oder „Diese Arbeit analysiert drei Fallbeispiele.“
- Vermeiden: „Man analysiert drei Fallbeispiele.“
Nominalstil, Satzlänge und Fachbegriffe
Der Nominalstil reiht Substantive aneinander, oft mit Endungen auf -ung, -heit, -keit. Er macht Texte schwer und abstrakt. Verwandle Substantive zurück in Verben, wo es geht: aus „die Durchführung einer Befragung“ wird „befragen“.
Halte Sätze überschaubar. Ein Satz sollte einen Gedanken enthalten. Fachbegriffe sind erwünscht, wenn sie präzise sind. Definiere sie beim ersten Gebrauch und verwende sie dann konsequent. Wechsle nicht aus stilistischen Gründen zwischen Synonymen, etwa zwischen „Motivation“, „Antrieb“ und „Engagement“, wenn Du dasselbe meinst. In der Wissenschaft verwirrt das, weil der Leser verschiedene Konzepte vermutet.
Belegen, vorsichtig formulieren, sauber argumentieren
Wissenschaftlich schreiben heißt auch, die Reichweite einer Aussage genau zu kennzeichnen. Unterscheide zwischen dem, was Studien zeigen, was Du daraus schließt und was offen ist. Formulierungen wie „deutet darauf hin“, „spricht dafür“ oder „legt nahe“ sind keine Schwäche, sondern Genauigkeit. Übertreibungen wie „beweist“ oder „immer“ sind in empirischen Fächern fast nie gerechtfertigt.
Jede fremde Aussage, Zahl und Idee belegst Du mit einer Quelle. Allgemeinwissen wie „Berlin ist die Hauptstadt Deutschlands“ braucht keinen Beleg. Fachwissen, das in Deinem Fach nicht selbstverständlich ist, schon.
Typische Stilfehler und wie Du sie vermeidest
Diese Fehler tauchen in Hausarbeiten und Abschlussarbeiten besonders häufig auf. Ein eigener Korrekturdurchgang nur für den Stil lohnt sich.
- Umgangssprache: „total“, „echt“, „super wichtig“, „mega“
- Füllwörter: „eigentlich“, „irgendwie“, „quasi“, „sozusagen“, „ja“
- Wertungen ohne Beleg: „leider“, „erfreulicherweise“, „offensichtlich“
- Rhetorische Fragen statt klarer Aussagen
- Superlative und Absolutheiten: „die wichtigste Theorie“, „alle Studien zeigen“
- Wechselnde Begriffe für dasselbe Konzept
- Bandwurmsätze mit mehreren Nebensätzen und eingeschobenen Klammern
Häufige Fragen
Darf man in einer Bachelorarbeit „ich“ schreiben?
In vielen Fächern ja, für die Beschreibung des eigenen Vorgehens. Der APA-Stil empfiehlt es. Manche Institute verlangen einen unpersönlichen Stil. Entscheidend ist der Leitfaden Deiner Hochschule.
Wie lang sollte ein Satz in einer wissenschaftlichen Arbeit sein?
Als Richtwert 15 bis 25 Wörter. Sätze über 30 Wörter sind schwer lesbar und sollten geteilt werden. Abwechslung in der Satzlänge macht Texte angenehmer.
Ist Passiv in wissenschaftlichen Texten Pflicht?
Nein. Passiv ist sinnvoll, wenn der Handelnde unwichtig ist. Zu viel Passiv macht Texte schwerfällig. Aktiv ist oft klarer.
Wie verbessere ich meinen wissenschaftlichen Schreibstil?
Lies gute Fachaufsätze Deines Fachs bewusst auf ihren Stil, überarbeite in getrennten Durchgängen für Inhalt und Sprache und lass Texte von Kommilitonen gegenlesen. Viele Hochschulen bieten Schreibzentren mit kostenloser Beratung.
Darf ich Fremdwörter und Anglizismen verwenden?
Ja, wenn sie etablierte Fachbegriffe sind und präziser als ein deutsches Wort. Vermeide sie, wenn es ein gleichwertiges deutsches Wort gibt.
Wie vermeide ich Wiederholungen, ohne Begriffe zu wechseln?
Fachbegriffe darfst und sollst Du wiederholen, damit sie eindeutig bleiben. Abwechslung schaffst Du über den Satzbau, über Pronomen und Verweise wie „dieser Befund“ oder „das genannte Modell“ und indem Du Sätze zusammenfasst. Alltagswörter wie „zeigen“ oder „sagen“ kannst Du dagegen gut variieren, etwa mit „belegen“, „betonen“ oder „hervorheben“.
Welche Zeitform nutze ich in wissenschaftlichen Arbeiten?
Für allgemein gültige Aussagen und Deine Argumentation das Präsens, für Dein Vorgehen und Deine Ergebnisse meist das Präteritum oder Perfekt, etwa „Die Befragung fand im Mai statt“. Bei der Wiedergabe fremder Studien sind beide Formen üblich. Wichtig ist, innerhalb eines Abschnitts nicht ohne Grund zu wechseln.
Quellen und weiterführende Literatur
- Esselborn-Krumbiegel, H. Richtig wissenschaftlich schreiben. Wissenschaftssprache in Regeln und Übungen. UTB, aktuelle Auflage.
- American Psychological Association. (2020). Publication Manual of the American Psychological Association (7th ed.). APA.
- Kornmeier, M. Wissenschaftlich schreiben leicht gemacht. Für Bachelor, Master und Dissertation. Haupt (UTB), aktuelle Auflage.
Was an Deiner Hochschule gilt, steht in Prüfungsordnung und Leitfaden Deines Fachs — die haben immer Vorrang.
Passt dazu
- Einleitung schreibenEine wissenschaftliche Einleitung führt in vier Schritten zur Frage: Problem und Relevanz, Forschungslücke, Forschungsfrage und Ziel, Aufbau der Arbeit.
- Direktes und indirektes ZitatEin direktes Zitat übernimmt den Wortlaut in Anführungszeichen, ein indirektes gibt den Inhalt in eigenen Worten wieder. Beide brauchen einen Beleg.
- Plagiat vermeidenEin Plagiat ist die Übernahme fremder Texte oder Ideen ohne Beleg. Du vermeidest es durch sauberes Exzerpieren, Belegen und echtes Paraphrasieren.
- Hausarbeit schreibenEine Hausarbeit entsteht in acht Schritten: Thema, Frage, Literatur, Gliederung, Rohfassung, Überarbeitung, Formalia, Abgabe. Plane rund 4 bis 6 Wochen ein.
- Abstract schreibenEin Abstract fasst Deine Arbeit in 150 bis 250 Wörtern zusammen: Problem, Ziel, Methode, wichtigste Ergebnisse und Schlussfolgerung, ohne Zitate.