Systematisches Literaturreview: PRISMA, Suchstrategie, Ein- und Ausschluss
Fachlich verantwortet von Prof. Dr. Alexander Holtermann · Stand 16.10.2026 · 5 Min. Lesezeit
Ein systematisches Review sucht, prüft und fasst Studien nach festgelegten, dokumentierten Regeln zusammen. PRISMA 2020 gibt den Berichtsstandard vor.
Das Wichtigste in Kürze
- Ein systematisches Literaturreview beantwortet eine präzise Frage, indem es alle relevanten Studien nach vorab festgelegten Regeln sucht, auswählt, bewertet und zusammenfasst.
- Der Unterschied zum klassischen Literaturüberblick: Suchstrategie, Ein- und Ausschlusskriterien und Auswahlschritte sind transparent und wiederholbar dokumentiert.
- PRISMA 2020 (Page et al., 2021) ist der internationale Standard für die Berichterstattung, mit einer Checkliste aus 27 Punkten und einem Flussdiagramm.
- Die Suchstrategie kombiniert Suchbegriffe mit booleschen Operatoren (UND, ODER, NICHT) und wird in mindestens zwei Fachdatenbanken angewendet.
- Für Abschlussarbeiten ist oft ein systematisches Review mit kleinerem Umfang realistisch, etwa 15 bis 40 eingeschlossene Studien.
Was ist ein systematisches Literaturreview?
Ein systematisches Literaturreview (systematische Übersichtsarbeit) ist eine eigenständige Forschungsmethode. Statt neue Daten zu erheben, sammelst Du die vorhandenen Studien zu einer klar umrissenen Frage, prüfst sie nach festen Kriterien und fasst ihre Ergebnisse zusammen. Werden die Ergebnisse statistisch zusammengeführt, spricht man von einer Metaanalyse.
Der Kern ist Transparenz: Jede Entscheidung, welche Datenbank, welche Suchbegriffe, warum eine Studie ein- oder ausgeschlossen wurde, wird dokumentiert. Eine andere Person sollte mit Deiner Beschreibung die Suche wiederholen und zu sehr ähnlichen Ergebnissen kommen können. Systematische Reviews sind in Medizin, Pflege, Psychologie und Gesundheitswissenschaften verbreitet und werden zunehmend auch in Wirtschafts- und Bildungswissenschaften als Abschlussarbeit akzeptiert.
Systematisch oder narrativ: der Unterschied
In fast jeder Arbeit gibt es einen Theorie- oder Literaturteil. Der ist aber in der Regel narrativ: Du wählst wichtige Quellen aus und stellst den Forschungsstand dar. Ein systematisches Review ist dagegen selbst die Methode Deiner Arbeit.
| Merkmal | narrativer Überblick | systematisches Review |
|---|---|---|
| Frage | oft breit | präzise, z. B. nach PICO |
| Suche | nicht vollständig dokumentiert | festgelegte Suchstrategie in mehreren Datenbanken |
| Auswahl | nach Einschätzung des Autors | nach vorab definierten Ein- und Ausschlusskriterien |
| Qualitätsbewertung | selten | systematisch mit Bewertungsinstrument |
| Synthese | erzählend | strukturiert, tabellarisch, ggf. Metaanalyse |
| Nachvollziehbarkeit | gering | hoch, wiederholbar |
Schritt 1: Frage präzisieren mit PICO
Ein systematisches Review braucht eine eng gefasste Frage. In gesundheitsnahen Fächern hilft das PICO-Schema: Population (Wer?), Intervention (Was wird untersucht?), Comparison (Womit verglichen?), Outcome (Welches Ergebnis?). In anderen Fächern funktionieren Varianten wie SPIDER für qualitative Studien oder einfach eine klare Festlegung von Gruppe, Phänomen und Kontext.
Lege vor der Suche ein kurzes Protokoll an: Frage, Datenbanken, Suchbegriffe, Kriterien, geplante Auswertung. Größere Reviews registrieren dieses Protokoll öffentlich, für Abschlussarbeiten reicht es, das Protokoll im Anhang zu dokumentieren und mit dem Betreuer abzustimmen.
Schritt 2: Die Suchstrategie
Die Suchstrategie ist das Herzstück. Zerlege Deine Frage in Suchkomponenten (meist 2 bis 3, z. B. Population und Intervention) und sammle für jede Komponente Synonyme, englische Begriffe und Schlagwörter der Datenbank. Innerhalb einer Komponente verbindest Du Begriffe mit ODER, die Komponenten untereinander mit UND. Trunkierung mit Sternchen findet Wortvarianten.
- Datenbanken nach Fach wählen: je eine medizinische und eine pflegewissenschaftliche Fachdatenbank für Gesundheitsthemen, die psychologische Fachdatenbank für Psychologie, bildungswissenschaftliche oder wirtschaftswissenschaftliche Fachdatenbanken für die jeweiligen Fächer. Deine Hochschulbibliothek zeigt Dir, welche lizenziert sind. Mindestens zwei Datenbanken nutzen.
- Suchstring je Datenbank anpassen und mit Datum und Trefferzahl dokumentieren.
- Ergänzend Literaturverzeichnisse eingeschlossener Studien durchsehen (Handsuche, Schneeballsuche).
- Zeitraum und Sprachen festlegen und begründen.
- Treffer in ein Literaturverwaltungsprogramm exportieren und Duplikate entfernen.
Schritt 3: Ein- und Ausschlusskriterien
Lege vor der Sichtung fest, welche Studien Du aufnimmst. Die Kriterien folgen aus der Frage und betreffen typischerweise Population, Intervention oder Phänomen, Studiendesign, Ergebnismaße, Sprache, Zeitraum und Publikationsart.
- Sichtung in zwei Stufen: erst Titel und Abstract, dann Volltext.
- Ausschlussgründe auf Volltextebene je Studie dokumentieren.
- Wenn möglich, eine zweite Person einen Teil unabhängig sichten lassen und Abweichungen klären.
| Kriterium | Einschluss | Ausschluss |
|---|---|---|
| Population | Studenten an Hochschulen | Schüler, Auszubildende |
| Intervention | achtsamkeitsbasierte Programme ab 4 Wochen | einmalige Übungen |
| Design | randomisierte und kontrollierte Studien | Fallberichte, Kommentare |
| Ergebnis | Prüfungsangst mit validiertem Instrument | nur allgemeines Wohlbefinden |
| Sprache und Zeitraum | Deutsch, Englisch; 2010 bis 2026 | andere Sprachen, ältere Studien |
Schritt 4: PRISMA-Flussdiagramm, Bewertung und Synthese
Das PRISMA-2020-Flussdiagramm zeigt, wie viele Treffer in jeder Phase übrig bleiben: identifiziert (je Datenbank), nach Entfernen der Duplikate gesichtet, ausgeschlossen, im Volltext geprüft, mit Gründen ausgeschlossen, schließlich eingeschlossen. Die zugehörige Checkliste mit 27 Punkten sagt, was im Bericht stehen muss, von Titel und Abstract über Methoden bis zur Diskussion.
Die eingeschlossenen Studien bewertest Du mit einem passenden Bewertungsinstrument für das Verzerrungsrisiko oder die methodische Qualität, je nach Studiendesign. Dann extrahierst Du die Daten in eine Tabelle (Autor, Jahr, Land, Stichprobe, Design, Instrument, zentrales Ergebnis) und fasst zusammen: narrativ nach Themen, tabellarisch oder bei vergleichbaren Studien statistisch als Metaanalyse.
Realistisch planen
Systematische Reviews sind aufwendiger, als sie wirken. Allein die Sichtung von 500 Abstracts kostet ein bis zwei Arbeitstage, die Volltextprüfung und Datenextraktion mehrere Wochen. Plane für eine Bachelorarbeit eine Frage, die zu 15 bis 40 Studien führt. Gibt die erste Probesuche Tausende Treffer, schärfe die Frage. Gibt sie fast nichts, erweitere sie oder wähle ein Scoping Review, das den Forschungsstand eines Feldes kartiert, statt eine enge Wirkungsfrage zu beantworten.
Sprich mit Deinem Betreuer früh ab, ob ein vollständiges systematisches Review erwartet wird oder ein systematisiertes Review mit vereinfachtem Vorgehen genügt, etwa ohne zweiten Gutachter bei der Sichtung.
Häufige Fragen
Was ist ein systematisches Literaturreview?
Eine Forschungsmethode, bei der Du alle relevanten Studien zu einer präzisen Frage nach vorab festgelegten, dokumentierten Regeln suchst, auswählst, bewertest und zusammenfasst, sodass das Vorgehen wiederholbar ist.
Was ist PRISMA?
PRISMA steht für Preferred Reporting Items for Systematic Reviews and Meta-Analyses. Die aktuelle Fassung PRISMA 2020 umfasst eine Checkliste mit 27 Punkten und ein Flussdiagramm für die transparente Berichterstattung.
Kann ich ein systematisches Review als Bachelorarbeit schreiben?
Ja, in vielen Fächern ist das möglich. Wähle eine eng gefasste Frage, die zu etwa 15 bis 40 Studien führt, und kläre mit dem Betreuer, welche Schritte vollständig umgesetzt werden müssen.
Wie viele Datenbanken muss ich durchsuchen?
Mindestens zwei fachlich passende Datenbanken, ergänzt durch eine Handsuche in den Literaturverzeichnissen der eingeschlossenen Studien. Dokumentiere Datum, Suchstring und Trefferzahl.
Was ist der Unterschied zwischen systematischem Review und Metaanalyse?
Das systematische Review beschreibt das methodische Vorgehen von Suche bis Synthese. Die Metaanalyse ist eine statistische Zusammenfassung der Ergebnisse und kann Teil eines systematischen Reviews sein.
Quellen und weiterführende Literatur
- Page, M. J., McKenzie, J. E., Bossuyt, P. M., et al. (2021). The PRISMA 2020 statement: an updated guideline for reporting systematic reviews. BMJ, 372, n71.
- Döring, N. (2023). Forschungsmethoden und Evaluation in den Sozial- und Humanwissenschaften (6. Aufl.). Springer.
Was an Deiner Hochschule gilt, steht in Prüfungsordnung und Leitfaden Deines Fachs — die haben immer Vorrang.
Passt dazu
- LiteraturrechercheEine gute Literaturrecherche kombiniert Bibliothekskatalog, Fachdatenbanken und Schneeballprinzip, nutzt Suchoperatoren und prüft jede Quelle auf Qualität.
- Forschungsfrage formulierenEine gute Forschungsfrage ist klar, eng begrenzt, offen formuliert und mit Deinen Mitteln beantwortbar. Meist beginnt sie mit Wie, Welche oder Inwiefern.
- EffektstärkeDie Effektstärke zeigt, wie groß ein Unterschied oder Zusammenhang ist. Nach Cohen gilt d = 0,2 als klein, 0,5 als mittel und 0,8 als groß.
- LiteraturverzeichnisIns Literaturverzeichnis gehört jede zitierte Quelle, alphabetisch nach Nachnamen, vollständig und einheitlich im vorgeschriebenen Zitierstil.
- Quantitativ oder qualitativ?Quantitative Forschung misst und prüft Hypothesen mit Zahlen, qualitative Forschung versteht Sichtweisen mit Texten. Deine Forschungsfrage entscheidet.