Effektstärke: Cohens d, r, η² und Cramérs V berechnen und deuten
Fachlich verantwortet von Prof. Dr. Alexander Holtermann · Stand 16.10.2026 · 5 Min. Lesezeit
Die Effektstärke zeigt, wie groß ein Unterschied oder Zusammenhang ist. Nach Cohen gilt d = 0,2 als klein, 0,5 als mittel und 0,8 als groß.
Das Wichtigste in Kürze
- Der p-Wert sagt nur, ob ein Effekt wahrscheinlich nicht zufällig ist. Die Effektstärke sagt, wie groß er ist, unabhängig von der Stichprobengröße.
- Die wichtigsten Maße: Cohens d für Mittelwertunterschiede, r für Zusammenhänge, η² (Eta-Quadrat) für die Varianzanalyse, Cramérs V für Kreuztabellen.
- Konventionen nach Cohen (1988): d = 0,2 / 0,5 / 0,8 und r = 0,1 / 0,3 / 0,5 für kleine, mittlere und große Effekte; η² = 0,01 / 0,06 / 0,14.
- Die Konventionen sind nur ein Notbehelf. Vergleiche Deine Effektstärke besser mit Studien aus Deinem Fachgebiet.
- Die APA verlangt Effektstärken zu jedem Haupttest. Außerdem brauchst Du sie für jede Power-Analyse.
Was ist eine Effektstärke und warum brauchst Du sie?
Eine Effektstärke (englisch effect size) ist ein standardisiertes Maß für die Größe eines Effekts. „Standardisiert“ heißt: Sie ist unabhängig von der Messeinheit und von der Stichprobengröße. Damit kannst Du Ergebnisse verschiedener Studien vergleichen, auch wenn diese unterschiedliche Fragebögen verwendet haben.
Der p-Wert allein reicht nicht. Mit 1.000 Befragten wird schon eine Korrelation von r = 0,10 signifikant, obwohl sie nur 1 % der Varianz erklärt. Umgekehrt kann ein großer Effekt in einer kleinen Stichprobe knapp an der Signifikanz scheitern. Erst die Effektstärke zeigt, ob ein Ergebnis praktisch bedeutsam ist. Deshalb fordert das APA-Manual, zu jedem zentralen Test eine Effektstärke zu berichten, und Gutachter achten genau darauf.
Konventionen nach Cohen (1988)
Jacob Cohen hat Richtwerte vorgeschlagen, die bis heute in fast jeder Arbeit zitiert werden. Er selbst betonte, dass sie nur gelten sollen, wenn es keine besseren Vergleichswerte aus dem eigenen Forschungsfeld gibt.
| Maß | Anwendung | klein | mittel | groß |
|---|---|---|---|---|
| Cohens d | Unterschied zweier Mittelwerte (t-Test) | 0,20 | 0,50 | 0,80 |
| r | Korrelation, Mann-Whitney-U, Wilcoxon | 0,10 | 0,30 | 0,50 |
| η² (Eta-Quadrat) | Varianzanalyse | 0,01 | 0,06 | 0,14 |
| Cohens f | Varianzanalyse, Power-Analyse | 0,10 | 0,25 | 0,40 |
| Cramérs V (Vierfeldertafel, df* = 1) | Chi-Quadrat-Test | 0,10 | 0,30 | 0,50 |
| Cramérs V (df* = 2) | z. B. 3 × 3-Tabelle | 0,07 | 0,21 | 0,35 |
Cohens d für Mittelwertunterschiede
Cohens d drückt den Unterschied zweier Mittelwerte in Standardabweichungen aus. Für zwei unabhängige Gruppen nutzt Du die gepoolte Standardabweichung:
d = (x̄₁ − x̄₂) / s_pooled mit s_pooled = √[((n₁ − 1) · s₁² + (n₂ − 1) · s₂²) / (n₁ + n₂ − 2)]
Bei kleinen Stichproben überschätzt d den wahren Effekt leicht. Die Korrektur heißt Hedges g: g = d · (1 − 3 / (4 · (n₁ + n₂) − 9)). Für gepaarte Messungen teilst Du den mittleren Differenzwert durch die Standardabweichung der Differenzen (oft dz genannt).
r, η² und Cramérs V
Korrelationskoeffizient r: Er ist selbst eine Effektstärke. Quadriert ergibt er den Anteil gemeinsamer Varianz: r = 0,30 bedeutet r² = 0,09, also 9 %. Auch aus Teststatistiken lässt sich r berechnen, etwa beim Mann-Whitney-U-Test r = |z| / √N oder beim t-Test r = √(t² / (t² + df)).
Eta-Quadrat η²: In der Varianzanalyse gibt η² den Anteil der Gesamtvarianz an, der auf die Gruppenzugehörigkeit zurückgeht: η² = QS_zwischen / QS_gesamt. Bei mehreren Faktoren wird meist das partielle η² berichtet.
Cramérs V: Für Kreuztabellen gilt V = √(χ² / (N · (k − 1))), wobei k die kleinere Zahl aus Zeilen und Spalten ist. V liegt zwischen 0 und 1. Bei einer Vierfeldertafel entspricht es dem Betrag des Phi-Koeffizienten.
| Beispiel | Rechnung | Ergebnis | Einordnung |
|---|---|---|---|
| Varianzanalyse, 3 Gruppen | 90 / 120 | η² = ,75 | groß |
| Chi-Quadrat, 2 × 2, N = 100 | √(9,09 / 100) | V = ,30 | mittel |
| Mann-Whitney-U, N = 12 | 2,08 / √12 | r = ,60 | groß |
| t-Test, t = 3,42, df = 14 | √(11,67 / 25,67) | r = ,67 | groß |
Effektstärken umrechnen
Manchmal berichten Studien andere Maße als Du brauchst, etwa für eine Power-Analyse oder einen Vergleich mit der Literatur. Für zwei gleich große Gruppen gilt näherungsweise r = d / √(d² + 4) und umgekehrt d = 2r / √(1 − r²). Ein mittleres d von 0,50 entspricht damit r = 0,24, ein großes d von 0,80 entspricht r = 0,37.
Die Grenzen nach Cohen passen also nicht exakt zueinander: d = 0,5 („mittel“) entspricht einem r, das nach r-Konvention noch „klein“ wäre. Bleib deshalb bei dem Maß, das zu Deinem Test gehört, und rechne nur um, wenn Du es wirklich brauchst.
Effektstärken richtig deuten
Ein „kleiner“ Effekt kann sehr bedeutsam sein, wenn er viele Menschen betrifft oder billig zu erreichen ist. Ein „großer“ Effekt in einer Laborstudie mit acht Personen ist dagegen unsicher geschätzt. Beachte bei der Deutung diese Punkte:
- Vergleiche mit typischen Effekten in Deinem Fach; in der Bildungsforschung gelten schon d = 0,3 bis 0,4 oft als beachtlich
- Berichte nach Möglichkeit ein Konfidenzintervall für die Effektstärke, denn bei kleinen Stichproben ist es sehr breit
- Sehr große Effekte in kleinen Stichproben (wie d = 1,71 bei n = 16) sind oft überschätzt; Replikationen finden meist kleinere Werte
- Unterscheide statistische Bedeutsamkeit (Signifikanz) von praktischer Bedeutsamkeit (Effektstärke im Kontext)
Effektstärke in der Power-Analyse
Bevor Du Daten erhebst, brauchst Du eine erwartete Effektstärke, um die nötige Stichprobengröße zu berechnen. Nimm sie aus einer Metaanalyse oder aus vergleichbaren Studien. Findest Du nichts, rechne konservativ mit einem kleinen bis mittleren Effekt.
| erwarteter Effekt | nötige Personen je Gruppe (t-Test, α = 0,05, Power 0,80) |
|---|---|
| d = 0,2 (klein) | 394 |
| d = 0,5 (mittel) | 64 |
| d = 0,8 (groß) | 26 |
Häufige Fragen
Ab wann ist ein Effekt groß?
Nach Cohen (1988) gilt d ≥ 0,8, r ≥ 0,5 oder η² ≥ 0,14 als groß. Diese Grenzen sind aber Faustregeln; in vielen Fächern sind schon kleinere Effekte praktisch bedeutsam.
Welche Effektstärke gehört zu welchem Test?
t-Test: Cohens d. ANOVA: η² oder partielles η². Chi-Quadrat-Test: Cramérs V oder Phi. Korrelation: r selbst. Mann-Whitney-U und Wilcoxon: r = |z| / √N.
Muss ich eine Effektstärke angeben, wenn das Ergebnis nicht signifikant ist?
Ja. Die Effektstärke zeigt, wie groß der beobachtete Effekt war, und hilft späteren Studien bei der Planung. Das APA-Manual empfiehlt Effektstärken für alle zentralen Tests.
Was ist der Unterschied zwischen Cohens d und Hedges g?
Hedges g ist ein für kleine Stichproben korrigiertes d. Ab etwa 20 Personen je Gruppe sind beide praktisch gleich.
Kann Cohens d größer als 1 sein?
Ja. d = 1,71 bedeutet, dass die Mittelwerte 1,71 Standardabweichungen auseinanderliegen. Werte über 1 sind in der Praxis selten und sollten auf Plausibilität geprüft werden.
Quellen und weiterführende Literatur
- Cohen, J. (1988). Statistical Power Analysis for the Behavioral Sciences (2. Aufl.). Lawrence Erlbaum.
- American Psychological Association. (2020). Publication Manual of the American Psychological Association (7. Aufl.). APA.
- Eid, M., Gollwitzer, M., & Schmitt, M. (2017). Statistik und Forschungsmethoden (5. Aufl.). Beltz.
Was an Deiner Hochschule gilt, steht in Prüfungsordnung und Leitfaden Deines Fachs — die haben immer Vorrang.
Passt dazu
- p-Wert und SignifikanzDer p-Wert ist die Wahrscheinlichkeit, ein mindestens so extremes Ergebnis zu erhalten, wenn die Nullhypothese stimmt. Unter α = 0,05 heißt es signifikant.
- t-TestDer t-Test prüft, ob sich zwei Mittelwerte signifikant unterscheiden: unabhängige Gruppen, gepaarte Messungen oder ein Mittelwert gegen einen Sollwert.
- ANOVA (Varianzanalyse)Die einfaktorielle ANOVA prüft, ob sich drei oder mehr Gruppenmittelwerte unterscheiden. Post-hoc-Tests zeigen danach, welche Gruppen genau verschieden sind.
- Chi-Quadrat-TestDer Chi-Quadrat-Test prüft, ob zwei kategoriale Merkmale zusammenhängen. Er vergleicht beobachtete mit erwarteten Häufigkeiten einer Kreuztabelle.
- Stichprobengröße berechnenFür eine Umfrage mit 95 % Konfidenz und 5 % Fehlerspanne brauchst Du rund 385 Antworten. Für Gruppenvergleiche bestimmt die Power-Analyse die Größe.
- Ergebnisse nach APA berichtenNach APA 7 nennst Du Teststatistik mit Freiheitsgraden, exakten p-Wert und Effektstärke, etwa t(14) = 3,42, p = ,004, d = 1,71. Statistiksymbole kursiv.