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Experteninterview: Methode nach Meuser und Nagel, Bogner und Littig

Fachlich verantwortet von Prof. Dr. Alexander Holtermann · Stand 16.10.2026 · 5 Min. Lesezeit

Das Experteninterview befragt Personen zu ihrem Sonderwissen aus Beruf oder Funktion. Es ist leitfadengestützt und wird oft nach Meuser und Nagel ausgewertet.

Das Wichtigste in Kürze

  • Experten sind Personen mit privilegiertem Zugang zu Wissen über Abläufe, Entscheidungen oder ein Handlungsfeld, meist aufgrund ihrer Funktion, nicht ihres Titels.
  • Bogner, Littig und Menz unterscheiden explorative, systematisierende und theoriegenerierende Experteninterviews.
  • Erhoben wird mit einem Leitfaden, der stärker strukturiert ist als bei narrativen Interviews und das Fachwissen des Experten gezielt anspricht.
  • Meuser und Nagel schlagen eine Auswertung in sechs Schritten vor: Transkription, Paraphrase, Überschriften, thematischer Vergleich, soziologische Konzeptualisierung, theoretische Generalisierung.
  • In Abschlussarbeiten sind 5 bis 10 Experteninterviews üblich; der Zugang zu Experten ist oft der Engpass.

Was ist ein Experteninterview?

Ein Experteninterview ist ein leitfadengestütztes qualitatives Interview, bei dem nicht die Person mit ihrer Lebensgeschichte im Mittelpunkt steht, sondern ihr Wissen als Funktionsträger. Befragt werden etwa Personalleiter zu Rekrutierungsstrategien, Pflegedienstleitungen zur Einarbeitung neuer Kräfte oder Mitarbeiter einer Behörde zur Umsetzung eines Gesetzes.

Die Methode ist in Abschlussarbeiten sehr beliebt, weil sie schnell an praxisnahes Wissen heranführt. Ein einfacher Weg ist das aber nicht: Du musst begründen, warum Deine Gesprächspartner Experten sind, wie Du sie ausgewählt hast und wie Du das Material systematisch auswertest.

Wer ist Experte?

Meuser und Nagel definieren Experten über ihre Rolle: Experte ist, wer Verantwortung für den Entwurf, die Umsetzung oder die Kontrolle einer Problemlösung trägt oder über privilegierten Zugang zu Informationen über Personengruppen oder Entscheidungsprozesse verfügt. Ein Professorentitel ist dafür weder nötig noch ausreichend.

Bogner, Littig und Menz betonen, dass Expertenwissen nicht nur Fachwissen ist. Experten haben auch Prozesswissen (Wie laufen Abläufe tatsächlich?) und Deutungswissen (Wie bewerten und begründen sie Dinge?). Gerade das Deutungswissen macht Experten für die Forschung interessant, weil es Entscheidungen im Feld prägt.

WissensformInhaltBeispiel
technisches WissenFakten, Regeln, FachkenntnisseWelche gesetzlichen Vorgaben gelten für die Einarbeitung?
ProzesswissenAbläufe, Routinen, Interaktionen aus eigener PraxisWie läuft die Einarbeitung auf Deiner Station konkret ab?
DeutungswissenSichtweisen, Erklärungen, BewertungenWoran liegt es Deiner Meinung nach, dass neue Kräfte früh kündigen?

Drei Formen nach Bogner, Littig und Menz

Je nach Zweck unterscheidet sich, wie offen Du fragst und wie Du auswertest.

FormZielTypischer Einsatz
exploratives Experteninterviewerste Orientierung in einem neuen Feld, Hypothesen und Fragen gewinnenVorstudie vor einer Umfrage oder einer größeren Interviewstudie
systematisierendes Experteninterviewmöglichst vollständiges, vergleichbares Fakten- und Prozesswissen erhebenBestandsaufnahme, Praxisanalyse, viele Abschlussarbeiten
theoriegenerierendes ExperteninterviewDeutungswissen rekonstruieren und daraus Theorie entwickelnanspruchsvollere Masterarbeiten und Dissertationen

Den Leitfaden für Experten gestalten

Der Leitfaden ist im Experteninterview meist strukturierter als im narrativen Interview, weil Du gezielt Wissen abfragst und die Zeit Deiner Gesprächspartner knapp ist. Plane 30 bis 60 Minuten. Bereite Dich inhaltlich gut vor: Experten reagieren positiv auf Interviewer, die das Feld kennen, und knapper auf solche, die Grundlagen erfragen, die in jeder Broschüre stehen.

  • Einstieg über die Rolle: „Beschreib doch kurz Deine Aufgaben in diesem Bereich.“
  • Themenblöcke aus der Forschungsfrage ableiten, je Block offene Leitfrage und vorbereitete Nachfragen.
  • Nach konkreten Beispielen und Fällen fragen, nicht nur nach allgemeinen Einschätzungen.
  • Am Ende: „Was haben wir noch nicht angesprochen, das aus Deiner Sicht wichtig ist?“ und „Wen sollte ich noch befragen?“
  • Höflichkeitsform oder Du: Im Gespräch mit Praktikern richtest Du Dich nach den Gepflogenheiten des Feldes.

Auswertung nach Meuser und Nagel

Meuser und Nagel haben ein Auswertungsverfahren speziell für Experteninterviews entwickelt. Es zielt auf das Überindividuell-Gemeinsame: Was teilen die Experten an Wissen, Deutungen und Handlungsmustern? Die Auswertung verläuft in sechs Schritten:

  • In vielen Abschlussarbeiten wird statt dieses Verfahrens die qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring oder Kuckartz genutzt. Das ist akzeptiert, wenn Du es begründest.
  • Die Schritte 5 und 6 sind anspruchsvoll. Für eine Bachelorarbeit reicht oft eine saubere Bearbeitung bis zum thematischen Vergleich mit einer theoriebezogenen Diskussion.
SchrittVorgehen
1. Transkriptionthematisch relevante Passagen verschriften; ein vollständiges Transkript ist nicht immer nötig
2. ParaphraseInhalt der Passagen textgetreu in eigenen Worten wiedergeben, in der Reihenfolge des Gesprächs
3. Überschriftenparaphrasierte Passagen mit thematischen Überschriften versehen, nah an der Sprache des Experten
4. thematischer VergleichPassagen mit gleichen oder ähnlichen Themen über alle Interviews hinweg zusammenführen
5. soziologische KonzeptualisierungGemeinsamkeiten und Unterschiede in Fachbegriffen ausdrücken, Kategorien bilden
6. theoretische GeneralisierungKategorien mit Theorie verbinden und Zusammenhänge erklären

Zugang, Anzahl und typische Probleme

Der größte Engpass ist meist der Zugang. Experten haben wenig Zeit und bekommen viele Anfragen. Schreib eine kurze, persönliche Anfrage mit Thema, Zweck, Dauer, Ablauf und Hinweis zur Anonymisierung. Nutze Kontakte über Praktika, Betreuer oder Berufsverbände. Rechne damit, dass nur jede zweite bis dritte Anfrage zu einem Termin führt.

In Abschlussarbeiten sind 5 bis 10 Experteninterviews üblich. Achte auf Vielfalt der Perspektiven, etwa verschiedene Organisationen oder Hierarchieebenen.

  • Experte weicht ins Allgemeine aus: Nach konkreten Beispielen fragen.
  • Experte hält einen Vortrag: Höflich auf die Leitfrage zurückführen.
  • Experte fragt nach Deiner Meinung: Freundlich auf das Ende des Interviews verschieben.
  • Organisation verlangt Freigabe: Früh klären, ob Zitate und Organisationsname genannt werden dürfen.

Häufige Fragen

Wer gilt als Experte im Experteninterview?

Eine Person, die durch ihre berufliche Funktion oder Rolle über privilegiertes Wissen zu einem Handlungsfeld, zu Abläufen oder Entscheidungen verfügt. Ein akademischer Titel ist dafür nicht nötig.

Wie viele Experteninterviews brauche ich für eine Bachelorarbeit?

Üblich sind 5 bis 10 Interviews. Wichtiger als die Zahl ist, dass die Experten unterschiedliche relevante Perspektiven abdecken und Du die Auswahl begründest.

Wie werte ich Experteninterviews aus?

Entweder nach dem sechsstufigen Verfahren von Meuser und Nagel (Transkription, Paraphrase, Überschriften, thematischer Vergleich, Konzeptualisierung, Generalisierung) oder mit der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring oder Kuckartz.

Was ist der Unterschied zwischen Experteninterview und Leitfadeninterview?

Das Experteninterview ist eine Form des Leitfadeninterviews. Der Unterschied liegt im Interesse: Beim Experteninterview geht es um das Wissen aus der Funktion, nicht um persönliche Erfahrungen und Biografie.

Muss ich Experteninterviews vollständig transkribieren?

Nach Meuser und Nagel reicht es, die thematisch relevanten Passagen zu transkribieren. Viele Betreuer erwarten aber vollständige Transkripte. Kläre das vorab.

Quellen und weiterführende Literatur

  • Meuser, M., & Nagel, U. (2009). Das Experteninterview – konzeptionelle Grundlagen und methodische Anlage. In S. Pickel, G. Pickel, H.-J. Lauth & D. Jahn (Hrsg.), Methoden der vergleichenden Politik- und Sozialwissenschaft. VS Verlag.
  • Bogner, A., Littig, B., & Menz, W. (2014). Interviews mit Experten. Eine praxisorientierte Einführung. Springer VS.
  • Helfferich, C. (2011). Die Qualität qualitativer Daten. Manual für die Durchführung qualitativer Interviews (4. Aufl.). VS Verlag.

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