Transkription: Regeln nach Dresing und Pehl, Zeitaufwand, Anonymisierung
Fachlich verantwortet von Prof. Dr. Alexander Holtermann · Stand 16.10.2026 · 5 Min. Lesezeit
Transkribieren heißt, Interviews nach festen Regeln zu verschriften. Für die meisten Arbeiten reichen einfache Regeln nach Dresing und Pehl.
Das Wichtigste in Kürze
- Ein Transkript ist die schriftliche Fassung einer Audio- oder Videoaufnahme nach festgelegten, im Methodenteil dokumentierten Regeln.
- Dresing und Pehl unterscheiden einfache und erweiterte Transkriptionsregeln. Einfache Regeln glätten Sprache leicht und genügen für inhaltliche Auswertungen.
- Erweiterte Regeln erfassen auch Verzögerungslaute, Wortabbrüche, Pausenlängen und Überlappungen und sind für Gesprächs- und Sprachanalysen nötig.
- Der Zeitaufwand liegt bei einfacher Transkription bei etwa 4 bis 8 Stunden pro Stunde Aufnahme, bei erweiterter deutlich höher.
- Namen, Orte, Arbeitgeber und andere identifizierende Angaben werden im Transkript durch Platzhalter ersetzt. Die Zuordnungsliste bewahrst Du getrennt auf.
Was ist eine Transkription?
Bei der Transkription überträgst Du gesprochene Sprache aus Interviews, Fokusgruppen oder Gesprächsaufnahmen in einen schriftlichen Text. Das Transkript ist die Datengrundlage Deiner qualitativen Auswertung: Du codierst es, zitierst daraus und belegst damit Deine Ergebnisse.
Weil es keine neutrale Verschriftung gibt, legst Du vorher fest, was und wie genau verschriftet wird. Diese Entscheidung hängt von Deiner Auswertungsmethode ab. Interessieren Dich Inhalte und Themen, reicht eine geglättete Fassung. Interessiert Dich, wie etwas gesagt wird, brauchst Du ein genaueres System. Die gewählten Regeln nennst Du im Methodenteil und legst sie in den Anhang.
Einfache Transkriptionsregeln nach Dresing und Pehl
Das Praxisbuch von Dresing und Pehl ist im deutschsprachigen Raum der Standard für Abschlussarbeiten. Die einfachen Regeln zielen auf gute Lesbarkeit bei inhaltlicher Treue. Die wichtigsten Punkte im Überblick:
- Es wird wörtlich transkribiert, nicht lautsprachlich oder zusammenfassend. Dialekt wird möglichst ins Hochdeutsche übertragen.
- Wortverschleifungen werden an das Schriftdeutsch angenähert („so ein“ statt „so’n“).
- Satzbau und grammatische Fehler bleiben erhalten, auch wenn sie unvollständig sind. Wort- und Satzabbrüche werden mit einem Schrägstrich markiert.
- Interpunktion wird zugunsten der Lesbarkeit geglättet.
- Deutliche, längere Pausen werden durch Auslassungspunkte in Klammern (...) markiert.
- Verständnissichernde Signale des Interviewers wie „mhm“ werden nicht transkribiert, sofern sie den Redefluss nicht unterbrechen.
- Besonders betonte Wörter werden in Großbuchstaben geschrieben.
- Jeder Sprecherbeitrag ist ein eigener Absatz mit Kennung (I: für Interviewer, B: für Befragte) und einer Zeitmarke.
- Emotionale nonverbale Äußerungen wie Lachen stehen in Klammern: (lacht). Unverständliches wird mit (unv.) markiert.
Einfach oder erweitert: Was brauchst Du?
Die erweiterten Regeln ergänzen das einfache System um sprachliche Feinheiten. Transkripte nach diesen Regeln sind aufwendiger zu erstellen und schwerer zu lesen, liefern aber Informationen über Zögern, Unsicherheit und Gesprächsdynamik.
| Merkmal | einfach | erweitert |
|---|---|---|
| Verzögerungslaute (äh, ähm) | weggelassen | transkribiert |
| Pausen | nur längere als (...) | nach Länge abgestuft, ggf. in Sekunden |
| Rezeptionssignale (mhm, ja) | meist weggelassen | transkribiert |
| Wortabbrüche | nur Satzabbrüche | auch abgebrochene Wörter |
| Überlappungen | nicht markiert | markiert |
| Lesbarkeit | hoch | geringer |
| geeignet für | Inhaltsanalyse, thematische Analyse, Experteninterviews | Gesprächsanalyse, rekonstruktive Verfahren, Analyse von Unsicherheit |
Wie lange dauert das Transkribieren?
Der Zeitaufwand wird fast immer unterschätzt. Als Faustwert für einfache Transkription gelten 4 bis 8 Stunden pro Stunde Aufnahme, abhängig von Tippgeschwindigkeit, Tonqualität, Sprechtempo und Zahl der Sprecher. Gruppendiskussionen mit vielen Stimmen und erweiterte Regeln brauchen deutlich länger.
Automatische Spracherkennung kann viel Zeit sparen. Das Ergebnis musst Du aber vollständig gegenhören und korrigieren, vor allem bei Fachbegriffen, Namen und Dialekt. Rechne auch mit Korrektur noch mit etwa 1,5 bis 3 Stunden pro Aufnahmestunde. Achte beim Einsatz von Online-Diensten auf den Datenschutz: Die Aufnahme enthält personenbezogene Daten, die nur mit Einwilligung und bei geeignetem Anbieter verarbeitet werden dürfen.
| Umfang | manuell, einfach | mit Spracherkennung und Korrektur |
|---|---|---|
| 1 Interview à 45 Min. | 3–6 Std. | 1–2,5 Std. |
| 10 Interviews à 45 Min. | 30–60 Std. | 12–25 Std. |
| Fokusgruppe 90 Min., 6 Personen | 10–16 Std. | 4–8 Std. |
Anonymisieren und pseudonymisieren
Transkripte enthalten fast immer Angaben, über die Personen identifiziert werden können: Namen, Orte, Arbeitgeber, Funktionen, besondere Ereignisse. Bevor Du Transkripte auswertest, weitergibst oder in den Anhang legst, ersetzt Du diese Angaben.
Streng genommen ist das meist eine Pseudonymisierung, solange Du eine Liste besitzt, mit der Du die Platzhalter wieder den echten Angaben zuordnen kannst. Diese Liste bewahrst Du getrennt und geschützt auf und löschst sie, sobald sie nicht mehr gebraucht wird. Achte auch auf indirekte Identifizierbarkeit: In einem kleinen Unternehmen reicht oft schon „die einzige Teamleiterin im Vertrieb“, um eine Person zu erkennen.
- Personennamen: [Name Kollege 1], [Vorname B2]
- Orte und Organisationen: [Großstadt in Süddeutschland], [Klinikum A], [Arbeitgeber]
- Zeitangaben bei Bedarf vergröbern: [Frühjahr 2025] statt eines genauen Datums
- Seltene Merkmale verallgemeinern: [technischer Studiengang] statt des genauen Fachs
- Interviewkennung ohne Klarnamen: B01, B02 und so weiter
Praktischer Ablauf
So gehst Du vom Audio zum auswertbaren Transkript:
- 1. Regeln festlegen und als Dokument für den Anhang speichern.
- 2. Aufnahme in guter Qualität sichern; Dateien eindeutig benennen (B01_2026-05-12.mp3).
- 3. Mit Fußpedal oder Tastenkürzeln für Pause und Zurückspulen transkribieren, bei automatischer Spracherkennung den Rohtext gegenhören.
- 4. Zeitmarken setzen, damit Du Zitate später in der Aufnahme wiederfindest.
- 5. Korrekturdurchgang: das Transkript einmal komplett mit der Aufnahme vergleichen.
- 6. Anonymisieren und eine Zuordnungsliste getrennt speichern.
- 7. Kopf des Transkripts ergänzen: Kennung, Datum, Dauer, Ort oder Medium, Transkriptionsregeln.
Transkripte zitieren und in den Anhang legen
Im Ergebnisteil zitierst Du Transkriptstellen mit Interviewkennung und Zeitmarke oder Absatznummer, zum Beispiel (B03, #00:14:22#) oder (B03, Abs. 27). Kurze Zitate stehen im Fließtext, längere eingerückt. Sprachliche Fehler korrigierst Du in Zitaten nicht.
Ob vollständige Transkripte in den Anhang gehören, regelt Deine Prüfungsordnung oder Dein Betreuer. Häufig werden sie auf einem Datenträger oder in einem separaten Anhangband eingereicht und nicht in der veröffentlichten Fassung abgedruckt. Fertige Transkripte kannst Du unter /codieren hochladen und dort systematisch codieren.
Häufige Fragen
Welche Transkriptionsregeln soll ich verwenden?
Für inhaltliche Auswertungen wie die qualitative Inhaltsanalyse reichen die einfachen Transkriptionsregeln nach Dresing und Pehl. Erweiterte Regeln brauchst Du nur, wenn Du auch analysierst, wie gesprochen wird.
Wie lange dauert es, ein Interview zu transkribieren?
Bei einfacher, manueller Transkription etwa 4 bis 8 Stunden pro Stunde Aufnahme. Mit automatischer Spracherkennung und gründlicher Korrektur etwa 1,5 bis 3 Stunden.
Muss ich „äh“ und „ähm“ transkribieren?
Bei einfachen Regeln nach Dresing und Pehl nicht. Bei erweiterten Regeln ja, weil Verzögerungslaute dort als Hinweis auf Zögern oder Unsicherheit ausgewertet werden können.
Darf ich Interviews mit automatischer Spracherkennung transkribieren?
Ja, wenn die Befragten eingewilligt haben, der Dienst datenschutzkonform arbeitet und Du das Ergebnis vollständig gegenhörst und korrigierst. Beschreibe das Vorgehen im Methodenteil.
Was ist der Unterschied zwischen Anonymisierung und Pseudonymisierung?
Bei der Anonymisierung lassen sich Daten nicht mehr einer Person zuordnen. Bei der Pseudonymisierung ist das mit einer getrennt aufbewahrten Zuordnungsliste noch möglich.
Welche Software eignet sich zum Transkribieren?
Verbreitet sind f4transkript und f5transkript aus dem Umfeld der Regeln nach Dresing und Pehl. MAXQDA, ATLAS.ti und NVivo haben eigene Transkriptionsfunktionen. Automatische Spracherkennung, etwa Whisper-basierte Werkzeuge wie noScribe, spart Zeit, muss aber vollständig korrigiert werden. Prüf bei Online-Diensten den Datenschutz.
Quellen und weiterführende Literatur
- Dresing, T., & Pehl, T. (2018). Praxisbuch Interview, Transkription & Analyse. Anleitungen und Regelsysteme für qualitativ Forschende (8. Aufl.). Eigenverlag.
- Flick, U. (2021). Qualitative Sozialforschung. Eine Einführung (10. Aufl.). Rowohlt.
Was an Deiner Hochschule gilt, steht in Prüfungsordnung und Leitfaden Deines Fachs — die haben immer Vorrang.
Passt dazu
- LeitfadeninterviewDas Leitfadeninterview ist ein teilstandardisiertes Interview mit vorbereiteten offenen Fragen. Der Leitfaden gibt Struktur, lässt aber Raum für Erzählungen.
- Interviews auswertenInterviews wertest Du in sieben Schritten aus: transkribieren, anonymisieren, Methode wählen, Kategorien bilden, codieren, analysieren, Ergebnisse schreiben.
- Forschungsethik und DatenschutzWer Menschen befragt, braucht informierte Einwilligung, sparsame Datenerhebung und Anonymisierung. Die DSGVO gilt auch für Abschlussarbeiten.
- ExperteninterviewDas Experteninterview befragt Personen zu ihrem Sonderwissen aus Beruf oder Funktion. Es ist leitfadengestützt und wird oft nach Meuser und Nagel ausgewertet.
- Inhaltsanalyse nach KuckartzKuckartz und Rädiker unterscheiden inhaltlich strukturierende, evaluative und typenbildende Inhaltsanalyse. Meist genutzt: die strukturierende in sieben Phasen.
- QDA-Software im VergleichMAXQDA, ATLAS.ti und NVivo sind die großen QDA-Programme. Für Mayring gibt es QCAmap, kostenlos sind QualCoder, Taguette und schlanke Online-Werkzeuge.