Leitfadeninterview: Leitfaden erstellen, Fragetypen und Beispiel
Fachlich verantwortet von Prof. Dr. Alexander Holtermann · Stand 16.10.2026 · 5 Min. Lesezeit
Das Leitfadeninterview ist ein teilstandardisiertes Interview mit vorbereiteten offenen Fragen. Der Leitfaden gibt Struktur, lässt aber Raum für Erzählungen.
Das Wichtigste in Kürze
- Das Leitfadeninterview ist die häufigste qualitative Erhebungsmethode in Abschlussarbeiten: teilstandardisiert, mit vorbereiteten Fragen und flexibler Reihenfolge.
- Ein Leitfaden hat typischerweise 3 bis 5 Themenblöcke mit je einer offenen Leitfrage, Aufrechterhaltungsfragen und konkreten Nachfragen.
- Beim Bauen hilft das Vorgehen nach Helfferich in vier Schritten: Sammeln, Prüfen, Sortieren, Subsumieren.
- Gute Fragen sind offen, einfach und erzählgenerierend („Erzähl mal, wie …“). Geschlossene und suggestive Fragen vermeidest Du.
- Ein Interview dauert meist 30 bis 60 Minuten; plane pro Stunde Aufnahme 4 bis 8 Stunden Transkription ein.
Was ist ein Leitfadeninterview?
Ein Leitfadeninterview ist ein teilstandardisiertes qualitatives Interview. Du hast einen vorbereiteten Leitfaden mit Themen und Fragen, gehst aber flexibel damit um: Du passt Reihenfolge und Formulierung an den Gesprächsverlauf an, fragst nach, wenn etwas spannend wird, und lässt Raum für Themen, an die Du vorher nicht gedacht hast.
Damit liegt das Leitfadeninterview zwischen dem narrativen Interview, das fast ohne Vorgaben nur eine Erzählung anstößt, und dem standardisierten Interview, bei dem alle Fragen und Antwortoptionen festgelegt sind. Bekannte Unterformen sind das problemzentrierte Interview nach Witzel, das fokussierte Interview und das Experteninterview.
Wann passt ein Leitfadeninterview?
Das Leitfadeninterview eignet sich, wenn Du Sichtweisen, Erfahrungen und Begründungen verstehen willst und schon ein gewisses Vorwissen hast, das Dir die Themen vorgibt. Es passt zu Forschungsfragen wie „Wie erleben …?“, „Wie gehen … mit … um?“ oder „Welche Gründe nennen … für …?“.
Weniger geeignet ist es, wenn Du Häufigkeiten bestimmen oder Hypothesen statistisch prüfen willst. Dafür brauchst Du einen Fragebogen. Ist das Thema völlig unerforscht und Du willst Lebensgeschichten rekonstruieren, kann ein narratives Interview besser passen.
Den Leitfaden bauen: Sammeln, Prüfen, Sortieren, Subsumieren
Cornelia Helfferich beschreibt in „Die Qualität qualitativer Daten“ ein Vorgehen in vier Schritten, das sich für Abschlussarbeiten bewährt hat.
| Schritt | Was Du tust |
|---|---|
| Sammeln | alle Fragen notieren, die Dir zum Thema einfallen, ohne zu bewerten; gern 30 bis 50 Fragen |
| Prüfen | jede Frage prüfen: Passt sie zur Forschungsfrage? Ist sie offen? Fragt sie nach Erfahrungen statt nach Theorie? Viele werden gestrichen |
| Sortieren | verbleibende Fragen zu Themenblöcken bündeln und in eine natürliche Reihenfolge bringen |
| Subsumieren | je Block eine offene Erzählaufforderung formulieren und die übrigen Fragen als Nachfragen darunter einordnen |
Fragetypen im Leitfaden
Ein guter Leitfaden arbeitet mit drei Ebenen von Fragen. Die Leitfrage (Erzählaufforderung) eröffnet einen Themenblock. Aufrechterhaltungsfragen halten die Erzählung in Gang, ohne Inhalte vorzugeben. Konkrete Nachfragen stellst Du nur, wenn ein wichtiger Aspekt nicht von selbst angesprochen wurde.
| Fragetyp | Funktion | Beispiel |
|---|---|---|
| Einstiegsfrage | Gespräch eröffnen, Vertrauen aufbauen | Erzähl doch mal, wie Du zu Deinem Studium gekommen bist. |
| Leitfrage | Themenblock offen eröffnen | Wie sieht eine typische Woche in der Prüfungsphase bei Dir aus? |
| Aufrechterhaltungsfrage | Erzählung fortsetzen | Und dann? Wie ging es weiter? Kannst Du das genauer beschreiben? |
| konkrete Nachfrage | fehlende Aspekte gezielt ansprechen | Welche Rolle spielt dabei Deine Lerngruppe? |
| Beispielfrage | Abstraktes konkret machen | Kannst Du mir eine Situation schildern, in der das so war? |
| Abschlussfrage | Raum für Ergänzungen | Gibt es noch etwas, das Dir wichtig ist und über das wir nicht gesprochen haben? |
Beispiel: Leitfaden zum Thema Prüfungsstress
Forschungsfrage: Wie gehen Bachelorstudenten mit Stress in der Prüfungsphase um? Der Leitfaden hat vier Blöcke und ist auf etwa 45 Minuten ausgelegt.
- Einstieg: Erzähl mal, wie Dein aktuelles Semester bisher gelaufen ist.
- Block 1 Belastung: Wie erlebst Du die Wochen vor den Klausuren? Nachfragen: Woran merkst Du, dass Du gestresst bist? Was setzt Dich besonders unter Druck?
- Block 2 Umgang: Was machst Du, wenn es Dir zu viel wird? Nachfragen: Was hilft Dir? Was hast Du ausprobiert, das nicht funktioniert hat?
- Block 3 Umfeld: Wer oder was unterstützt Dich in dieser Zeit? Nachfragen: Lerngruppe, Familie, Angebote der Hochschule?
- Block 4 Rückblick und Wünsche: Wenn Du an Dein erstes Semester zurückdenkst, was würdest Du heute anders machen?
- Abschluss: Gibt es noch etwas, das Dir wichtig ist? Kurzfragebogen zu Alter, Fach, Semester.
Das Interview führen
Vor dem Gespräch klärst Du Einwilligung, Aufnahme und Anonymisierung schriftlich. Die Aufnahme erfolgt mit einem Diktiergerät, Smartphone oder der Aufnahmefunktion eines Videotools; mach vorher einen Tontest.
Während des Interviews gilt: zuhören statt abfragen. Lass Pausen zu, denn oft kommt nach einer Pause das Wichtigste. Unterbrich nicht, bewerte nichts und gib keine eigenen Meinungen preis. Der Leitfaden liegt vor Dir, aber Du musst ihn nicht wörtlich ablesen. Hake ab, was schon angesprochen wurde, auch wenn es an anderer Stelle kam.
Direkt nach dem Interview schreibst Du ein kurzes Postskript: Atmosphäre, Besonderheiten, Störungen, erste Eindrücke und Gedanken zur Auswertung. Das hilft später bei der Interpretation.
- Typische Fehler: zu viele geschlossene Fragen, mehrere Fragen auf einmal, suggestive Nachfragen („Das war bestimmt anstrengend, oder?“), Leitfaden abarbeiten statt zuhören.
- Dauer: 30 bis 60 Minuten sind in Abschlussarbeiten üblich; plane Puffer für Begrüßung und Nachgespräch.
- Anzahl: Meist 8 bis 15 Interviews, bis keine neuen Themen mehr auftauchen.
Vom Interview zur Auswertung
Nach der Erhebung transkribierst Du die Aufnahmen nach festgelegten Regeln und anonymisierst die Transkripte. Ausgewertet wird meist mit der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring oder Kuckartz oder der thematischen Analyse. Dabei entwickelst Du ein Kategoriensystem, codierst die Transkripte und fasst die Ergebnisse je Kategorie zusammen, belegt mit Zitaten.
Unter /codieren kannst Du Deine Transkripte hochladen, Textstellen Kategorien zuordnen und die Ergebnisse übersichtlich auswerten.
Häufige Fragen
Was ist ein Leitfadeninterview?
Ein teilstandardisiertes qualitatives Interview, bei dem Du mit einem vorbereiteten Leitfaden aus offenen Fragen arbeitest, Reihenfolge und Formulierung aber flexibel an das Gespräch anpasst.
Wie viele Fragen hat ein Interviewleitfaden?
Meist 3 bis 5 Themenblöcke mit je einer offenen Leitfrage und einigen Nachfragen, insgesamt etwa 10 bis 20 Fragen. Für ein Interview von 45 Minuten sind 6 bis 8 Hauptfragen realistisch.
Wie viele Leitfadeninterviews brauche ich für die Bachelorarbeit?
Üblich sind 6 bis 12 Interviews für eine Bachelorarbeit und 10 bis 15 für eine Masterarbeit. Maßgeblich ist die Sättigung, also der Punkt, an dem keine neuen Themen mehr auftauchen.
Wie erstelle ich einen Interviewleitfaden nach Helfferich?
In vier Schritten: Fragen frei sammeln, auf Offenheit und Bezug zur Forschungsfrage prüfen, zu Themenblöcken sortieren und unter je eine offene Erzählaufforderung subsumieren.
Was ist der Unterschied zwischen Leitfadeninterview und narrativem Interview?
Das Leitfadeninterview arbeitet mit vorbereiteten Themen und Fragen. Das narrative Interview beginnt mit einer einzigen Erzählaufforderung und lässt die Befragten ihre Geschichte weitgehend ohne Vorgaben erzählen.
Quellen und weiterführende Literatur
- Helfferich, C. (2011). Die Qualität qualitativer Daten. Manual für die Durchführung qualitativer Interviews (4. Aufl.). VS Verlag.
- Flick, U. (2021). Qualitative Sozialforschung. Eine Einführung (10. Aufl.). Rowohlt.
- Dresing, T., & Pehl, T. (2018). Praxisbuch Interview, Transkription & Analyse (8. Aufl.). Eigenverlag.
Was an Deiner Hochschule gilt, steht in Prüfungsordnung und Leitfaden Deines Fachs — die haben immer Vorrang.
Passt dazu
- ExperteninterviewDas Experteninterview befragt Personen zu ihrem Sonderwissen aus Beruf oder Funktion. Es ist leitfadengestützt und wird oft nach Meuser und Nagel ausgewertet.
- TranskriptionTranskribieren heißt, Interviews nach festen Regeln zu verschriften. Für die meisten Arbeiten reichen einfache Regeln nach Dresing und Pehl.
- PretestEin Pretest prüft Fragebogen oder Leitfaden vor der Erhebung an 5 bis 10 Personen der Zielgruppe auf Verständlichkeit, Dauer, Technik und Logik.
- Interviews auswertenInterviews wertest Du in sieben Schritten aus: transkribieren, anonymisieren, Methode wählen, Kategorien bilden, codieren, analysieren, Ergebnisse schreiben.
- Inhaltsanalyse nach KuckartzKuckartz und Rädiker unterscheiden inhaltlich strukturierende, evaluative und typenbildende Inhaltsanalyse. Meist genutzt: die strukturierende in sieben Phasen.
- FokusgruppeEine Fokusgruppe ist eine moderierte Diskussion mit 6 bis 10 Personen. Du siehst Meinungen, Argumente und wie Sichtweisen im Austausch entstehen.