Qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring: Ablauf, Techniken, Beispiel
Fachlich verantwortet von Prof. Dr. Alexander Holtermann · Stand 16.10.2026 · 8 Min. Lesezeit
Die Inhaltsanalyse nach Mayring wertet Texte regelgeleitet aus: durch Zusammenfassung, Explikation oder Strukturierung entlang eines festen Ablaufmodells.
Das Wichtigste in Kürze
- Mayring unterscheidet drei Grundformen des Interpretierens: Zusammenfassung (Material reduzieren), Explikation (unklare Stellen erklären) und Strukturierung (Material nach festen Kriterien ordnen).
- Die induktive Kategorienbildung ist eine Variante der Zusammenfassung: Kategorien entstehen schrittweise aus dem Material, gesteuert durch ein Selektionskriterium und ein festgelegtes Abstraktionsniveau.
- Die deduktive Kategorienanwendung (Strukturierung) arbeitet mit einem Kodierleitfaden aus Definition, Ankerbeispiel und Kodierregel je Kategorie.
- Vor der Analyse legst Du Kodiereinheit, Kontexteinheit und Auswertungseinheit fest — das macht Dein Vorgehen nachvollziehbar und überprüfbar.
- Kennzeichen des Ansatzes sind Regelgeleitetheit, ein Ablaufmodell für jede Technik und die Offenheit für quantitative Schritte wie Häufigkeiten.
Was ist die qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring?
Philipp Mayring hat die qualitative Inhaltsanalyse seit den 1980er-Jahren als Verfahren entwickelt, mit dem Du sprachliches Material systematisch und regelgeleitet auswertest: Interviewtranskripte, offene Antworten aus Fragebögen, Dokumente, Zeitungsartikel oder Beobachtungsprotokolle. Sein Lehrbuch „Qualitative Inhaltsanalyse. Grundlagen und Techniken“ ist eines der meistzitierten Methodenbücher im deutschsprachigen Raum und liegt seit 2022 in der 13. Auflage vor.
Der Kern des Ansatzes: Interpretation soll nicht freihändig geschehen, sondern nach vorab festgelegten Regeln, die ein anderer Forscher nachvollziehen und wiederholen kann. Dafür zerlegt Mayring die Analyse in einzelne Schritte, legt für jede Technik ein Ablaufmodell fest und stellt das Kategoriensystem ins Zentrum. Kategorien sind die Brille, durch die Du das Material liest. Gebildet werden die Kategorien entweder aus Theorie und Forschungsstand abgeleitet (deduktiv) oder aus dem Material heraus entwickelt (induktiv).
Mayring versteht sein Verfahren als Brücke zwischen qualitativer und quantitativer Forschung. Deshalb sind quantitative Schritte ausdrücklich erlaubt: Du kannst zählen, wie oft eine Kategorie vorkommt, und Gütekriterien wie die Intercoder-Übereinstimmung berechnen. Das unterscheidet ihn deutlich von stärker hermeneutischen oder rekonstruktiven Verfahren.
Die drei Grundformen: Zusammenfassung, Explikation, Strukturierung
Mayring leitet seine Techniken aus drei Grundformen des Interpretierens ab, die er mit alltäglichem Verstehen vergleicht: Du fasst einen langen Text zusammen, Du schlägst einen unklaren Begriff nach, oder Du sortierst den Text nach Gesichtspunkten, die Dich interessieren. Jede Grundform hat eigene Varianten.
| Grundform | Ziel | Varianten | typischer Einsatz |
|---|---|---|---|
| Zusammenfassung | Material so reduzieren, dass die wesentlichen Inhalte erhalten bleiben | Zusammenfassung, induktive Kategorienbildung | explorative Fragen, wenig Vorwissen |
| Explikation | einzelne unklare Textstellen durch zusätzliches Material verständlich machen | enge Kontextanalyse (nur der Text), weite Kontextanalyse (auch Material außerhalb des Textes) | mehrdeutige Begriffe, Fachjargon, Ironie |
| Strukturierung | bestimmte Aspekte nach vorher festgelegten Kriterien herausfiltern | formale, inhaltliche, typisierende, skalierende Strukturierung | theoriegeleitete Fragen, klare Vorannahmen |
Das allgemeine Ablaufmodell
Jede qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring folgt einem allgemeinen Ablaufmodell. Die ersten Schritte beschreiben das Material und die Fragestellung, die mittleren die eigentliche Analyse, die letzten die Prüfung. Im Methodenteil Deiner Arbeit kannst Du Dich an genau diesen Schritten entlanghangeln.
- Festlegung des Materials: Welche Texte wertest Du aus und warum? (z. B. zwölf vollständige Transkripte)
- Analyse der Entstehungssituation: Wer hat unter welchen Bedingungen gesprochen oder geschrieben?
- Formale Charakteristika: In welcher Form liegt das Material vor (Transkriptionsregeln, Anonymisierung)?
- Richtung der Analyse: Interessiert Dich der Gegenstand, die sprechende Person oder die Wirkung?
- Theoretische Differenzierung der Fragestellung: Präzisiere die Forschungsfrage anhand des Forschungsstands.
- Bestimmung der Analysetechnik: Zusammenfassung, Explikation oder Strukturierung — und das passende Ablaufmodell.
- Definition der Analyseeinheiten: Kodiereinheit, Kontexteinheit, Auswertungseinheit.
- Analyse mit dem Kategoriensystem, mit Rücküberprüfung des Systems an Theorie und Material.
- Interpretation der Ergebnisse in Richtung der Hauptfragestellung.
- Anwendung der inhaltsanalytischen Gütekriterien, etwa Intercoder-Übereinstimmung.
Kodiereinheit, Kontexteinheit, Auswertungseinheit
Ein Punkt, an dem viele Abschlussarbeiten ungenau bleiben, sind die Analyseeinheiten. Mayring verlangt, dass Du sie vor der Analyse festlegst. Die Kodiereinheit ist der kleinste Textbestandteil, der einer Kategorie zugeordnet werden darf. Die Kontexteinheit ist der größte Textbestandteil, der unter eine Kategorie fallen kann. Die Auswertungseinheit legt fest, welche Textteile nacheinander ausgewertet werden, zum Beispiel jedes Interview als Ganzes oder jede Antwort auf eine Leitfadenfrage.
| Einheit | Frage | Beispiel aus Leas Studie |
|---|---|---|
| Kodiereinheit | Was ist das Kleinste, das ich codiere? | jede vollständige Sinnaussage, mindestens ein Satzteil |
| Kontexteinheit | Was ist das Größte, das ich codiere? | eine komplette Antwort der befragten Person auf eine Frage |
| Auswertungseinheit | In welcher Reihenfolge werte ich aus? | jedes Transkript einzeln, von B1 bis B12 |
Zusammenfassung: Paraphrasieren, Generalisieren, Reduzieren
Die zusammenfassende Inhaltsanalyse reduziert das Material in mehreren Schritten. Mayring nennt dafür Interpretationsregeln: Zuerst paraphrasierst Du jede inhaltstragende Textstelle in knapper, einheitlicher Sprache (Z1). Dann generalisierst Du die Paraphrasen auf ein vorher festgelegtes Abstraktionsniveau (Z2). In der ersten Reduktion streichst Du bedeutungsgleiche und unwichtige Paraphrasen (Z3), in der zweiten Reduktion bündelst Du ähnliche Aussagen zu neuen Aussagen (Z4). Am Ende steht ein Kategoriensystem, das Du am Ausgangsmaterial rückprüfst.
In der Praxis arbeitest Du dafür mit einer Tabelle: Fall, Zeile, Paraphrase, Generalisierung, Reduktion. Das ist aufwendig, lohnt sich aber bei kleinen Datenmengen, weil jeder Schritt dokumentiert ist und Gutachter ihn nachvollziehen können.
| Fall | Originalstelle | Paraphrase | Generalisierung |
|---|---|---|---|
| B3, Z. 41 | „Wenn ich Spätschicht hatte, war die Vorlesung um acht einfach nicht drin.“ | Nach Spätschicht keine Frühvorlesung möglich | Arbeitszeiten verhindern Lehrveranstaltungsbesuch |
| B5, Z. 112 | „Ich lerne eigentlich nur noch sonntags, weil sonst alles zu ist.“ | Lernen nur noch am Sonntag | Lernzeit auf Restzeiten verdrängt |
| B9, Z. 27 | „Klausurenphase heißt bei mir: Urlaub nehmen.“ | Urlaub für Klausurenphase | Arbeit wird um Prüfungen herum geplant |
Induktive Kategorienbildung Schritt für Schritt
Die induktive Kategorienbildung ist die in Abschlussarbeiten am häufigsten genutzte Technik nach Mayring. Diese Technik ist schneller als die vollständige Zusammenfassung, weil Du nicht jede Stelle paraphrasierst, sondern direkt Kategorien formulierst. Zwei Festlegungen steuern den Prozess: Das Selektionskriterium bestimmt, welche Textstellen überhaupt berücksichtigt werden. Das Abstraktionsniveau bestimmt, wie allgemein oder konkret die Kategorien formuliert werden.
- Forschungsfrage und Theorie klären, Selektionskriterium und Abstraktionsniveau festlegen
- Material Zeile für Zeile durcharbeiten; erfüllt eine Stelle das Selektionskriterium, formulierst Du eine Kategorie möglichst nah am Text
- Bei jeder weiteren passenden Stelle entscheidest Du: Fällt sie unter eine bestehende Kategorie (Subsumtion) oder brauchst Du eine neue?
- Nach etwa 10 bis 50 % des Materials überarbeitest Du das Kategoriensystem: Passen Abstraktionsniveau und Trennschärfe?
- Endgültiger Durchgang durch das gesamte Material mit dem überarbeiteten System
- Auswertung: Kategorien zu Hauptkategorien bündeln, Häufigkeiten bestimmen, Ergebnisse interpretieren
Deduktive Kategorienanwendung und Kodierleitfaden
Bei der inhaltlichen Strukturierung legst Du die Kategorien vor der Analyse fest und wendest sie auf das Material an. Damit das zuverlässig gelingt, verlangt Mayring einen Kodierleitfaden: Für jede Kategorie notierst Du eine Definition (was gehört dazu), ein Ankerbeispiel (eine typische Textstelle) und eine Kodierregel (wie grenzt Du sie von benachbarten Kategorien ab). Nach einem Probedurchgang durch einen Teil des Materials überarbeitest Du den Leitfaden, bevor Du alles codierst.
Bei der skalierenden Strukturierung ordnest Du Textstellen zusätzlich Ausprägungen zu, etwa „hohe“, „mittlere“ oder „geringe“ Belastung. Bei der typisierenden Strukturierung suchst Du besonders markante, extreme oder häufige Ausprägungen, die Du dann genauer beschreibst.
In der Praxis kombinieren viele Arbeiten beides: Hauptkategorien aus Theorie und Leitfaden, Unterkategorien induktiv aus dem Material. Mayring selbst beschreibt dieses Vorgehen nicht als eigene Technik, Kuckartz und Rädiker machen es dagegen zum Normalfall ihrer inhaltlich strukturierenden Analyse.
Kritik und Grenzen
Mayrings Ansatz wird für seine Nachvollziehbarkeit geschätzt, aber auch kritisiert. Die starke Regelorientierung kann dazu führen, dass Bedeutungen, die zwischen den Zeilen liegen, übersehen werden. Die Nähe zur quantitativen Inhaltsanalyse verleitet manche Arbeiten dazu, Häufigkeiten überzubewerten. Und die Darstellung der Techniken im Lehrbuch ist so ausführlich, dass Studenten oft unsicher sind, welche Technik sie eigentlich angewendet haben.
Für Deine Arbeit heißt das: Nenne die konkrete Technik (z. B. „induktive Kategorienbildung nach Mayring“), begründe die Wahl mit Deiner Forschungsfrage und reflektiere in der Diskussion, was die Methode sichtbar macht und was nicht. Ein Kategoriensystem kannst Du im kostenlosen Werkzeug Codieren anlegen: Dort hinterlegst Du je Kategorie Definition, Ankerbeispiel und Kodierregel, markierst Textstellen in den Transkripten und exportierst am Ende das Codebuch für den Anhang.
Umsetzung mit Software: MAXQDA, QCAmap und andere
Die Inhaltsanalyse nach Mayring lässt sich mit Papier und Tabelle durchführen, ab etwa zehn längeren Interviews hilft aber Software. QCAmap ist eine Web-Anwendung, die Mayring mit Thomas Fenzl gezielt für seine Ablaufmodelle entwickelt hat; sie führt durch induktive Kategorienbildung und deduktive Kategorienanwendung. In MAXQDA, ATLAS.ti oder NVivo bildest Du das Kategoriensystem als Codesystem ab und hinterlegst Definition, Ankerbeispiel und Kodierregel in Memos. Kostenlos geht es mit QualCoder, Taguette oder Codieren von Professor Digital.
Wichtig: Das Programm ersetzt nicht die Regeln der Methode. Im Methodenteil beschreibst Du Ablaufmodell, Einheiten und Revisionen und nennst das Programm mit Version.
Häufige Fragen
Was ist die qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring?
Ein regelgeleitetes Verfahren zur systematischen Auswertung von Texten, etwa Interviewtranskripten. Kern ist ein Kategoriensystem, das deduktiv aus der Theorie oder induktiv aus dem Material entsteht, und ein festes Ablaufmodell für jede Technik.
Welche Techniken gibt es bei Mayring?
Drei Grundformen mit Varianten: Zusammenfassung (inklusive induktiver Kategorienbildung), Explikation (enge und weite Kontextanalyse) und Strukturierung (formal, inhaltlich, typisierend, skalierend).
Was ist der Unterschied zwischen Kodiereinheit und Kontexteinheit?
Die Kodiereinheit ist der kleinste Textteil, der einer Kategorie zugeordnet werden darf, die Kontexteinheit der größte. Die Auswertungseinheit legt die Reihenfolge der ausgewerteten Texte fest.
Ist Mayring induktiv oder deduktiv?
Beides ist möglich. Die induktive Kategorienbildung entwickelt Kategorien aus dem Material, die deduktive Kategorienanwendung wendet vorab definierte Kategorien mit einem Kodierleitfaden an.
Wie viel Material wird bei der induktiven Kategorienbildung zuerst durchgearbeitet?
Mayring empfiehlt, das Kategoriensystem nach etwa 10 bis 50 % des Materials zu überarbeiten und dann das gesamte Material in einem endgültigen Durchgang zu codieren.
Welche Software eignet sich für Mayring?
QCAmap wurde für die Ablaufmodelle nach Mayring entwickelt. Ebenso gut geht es mit MAXQDA, ATLAS.ti, NVivo oder kostenlosen Werkzeugen, wenn Du den Kodierleitfaden mit Definitionen, Ankerbeispielen und Kodierregeln pflegst.
Quellen und weiterführende Literatur
- Mayring, P. (2022). Qualitative Inhaltsanalyse. Grundlagen und Techniken (13. Aufl.). Beltz.
- Kuckartz, U. & Rädiker, S. (2022). Qualitative Inhaltsanalyse. Methoden, Praxis, Computerunterstützung (5. Aufl.). Beltz Juventa.
Was an Deiner Hochschule gilt, steht in Prüfungsordnung und Leitfaden Deines Fachs — die haben immer Vorrang.
Passt dazu
- Inhaltsanalyse nach KuckartzKuckartz und Rädiker unterscheiden inhaltlich strukturierende, evaluative und typenbildende Inhaltsanalyse. Meist genutzt: die strukturierende in sieben Phasen.
- Mayring oder KuckartzMayring passt zu regelgeleiteter, auch quantifizierender Auswertung; Kuckartz zu fallorientierter, deduktiv-induktiver Analyse mit Fallvergleichen.
- Kategoriensystem erstellenEin Kategoriensystem entsteht deduktiv aus Theorie, induktiv aus dem Material oder gemischt. Gute Kategorien sind trennscharf und definiert.
- Codebuch erstellenEin Codebuch (Kodierleitfaden) beschreibt jede Kategorie mit Definition, Ankerbeispiel und Kodierregel, damit Codieren nachvollziehbar und wiederholbar ist.
- Interviews auswertenInterviews wertest Du in sieben Schritten aus: transkribieren, anonymisieren, Methode wählen, Kategorien bilden, codieren, analysieren, Ergebnisse schreiben.
- LeitfadeninterviewDas Leitfadeninterview ist ein teilstandardisiertes Interview mit vorbereiteten offenen Fragen. Der Leitfaden gibt Struktur, lässt aber Raum für Erzählungen.
- Mayring mit MAXQDAIn MAXQDA setzt Du Mayring so um: Kategorien als Codesystem, Definitionen und Ankerbeispiele in Code-Memos, codieren, zusammenfassen, auszählen.
- QDA-Software im VergleichMAXQDA, ATLAS.ti und NVivo sind die großen QDA-Programme. Für Mayring gibt es QCAmap, kostenlos sind QualCoder, Taguette und schlanke Online-Werkzeuge.