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Mayring oder Kuckartz? Unterschiede und Entscheidungshilfe

Fachlich verantwortet von Prof. Dr. Alexander Holtermann · Stand 16.10.2026 · 5 Min. Lesezeit

Mayring passt zu regelgeleiteter, auch quantifizierender Auswertung; Kuckartz zu fallorientierter, deduktiv-induktiver Analyse mit Fallvergleichen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Beide Ansätze sind Varianten der qualitativen Inhaltsanalyse: Beide arbeiten mit Kategoriensystem, Codierregeln und systematischem Vorgehen.
  • Mayring betont Regelgeleitetheit, getrennte Techniken mit eigenen Ablaufmodellen und quantitative Schritte wie Häufigkeiten.
  • Kuckartz und Rädiker betonen hermeneutisches Verstehen, die Verbindung von Fall- und Kategorienperspektive und ein zirkuläres Vorgehen in sieben Phasen.
  • Für die meisten Interviewstudien mit Leitfaden ist die inhaltlich strukturierende Analyse nach Kuckartz der direkteste Weg; für stark theoriegeleitete oder explorativ-induktive Fragen ist Mayring oft die präzisere Wahl.
  • Wichtiger als die Wahl selbst ist, dass Du sie begründest und konsequent einem Ansatz folgst, statt Begriffe zu mischen.

Warum diese Frage so oft gestellt wird

In fast jedem qualitativen Methodenteil steht einer der beiden Namen. Beide Lehrbücher heißen „Qualitative Inhaltsanalyse“, beide stammen aus dem deutschsprachigen Raum, beide arbeiten mit Kategorien. Kein Wunder, dass viele Studenten sie für austauschbar halten und im Methodenteil schreiben: „Die Auswertung erfolgte nach Mayring (2022) und Kuckartz (2022).“

Gutachter sehen das kritisch. Die Ansätze teilen viele Grundideen, unterscheiden sich aber in Begriffen, Ablauf und Selbstverständnis. Wer beide nennt, ohne zu sagen, was er von wem übernimmt, zeigt, dass er die Unterschiede nicht kennt. Dieser Artikel stellt beide Ansätze gegenüber und hilft Dir bei einer begründeten Entscheidung.

Was beide Ansätze gemeinsam haben

Bevor es um Unterschiede geht: Die Gemeinsamkeiten sind größer, als die Diskussion manchmal vermuten lässt. Beide Ansätze gehen auf die klassische Inhaltsanalyse zurück und wollen sie für qualitative Fragen öffnen.

  • Das Kategoriensystem ist das zentrale Instrument der Analyse.
  • Kategorien können deduktiv (aus Theorie) oder induktiv (aus dem Material) gebildet werden.
  • Kategorien werden mit Definition, Ankerbeispiel und Codierregel beschrieben.
  • Das Vorgehen ist systematisch, regelgeleitet und dokumentiert, damit Dritte es nachvollziehen können.
  • Gütekriterien wie die Übereinstimmung zwischen Codierern spielen eine Rolle.
  • Beide eignen sich für Interviews, Fokusgruppen, Dokumente und offene Fragebogenantworten.

Die Unterschiede im direkten Vergleich

Die folgende Tabelle bündelt die wichtigsten Unterschiede. Die Gegenüberstellung vereinfacht bewusst: Beide Autoren haben ihre Ansätze über viele Auflagen weiterentwickelt, und in der Praxis verschwimmen manche Grenzen.

MerkmalMayring (2022)Kuckartz und Rädiker (2022)
Grundverständnisregelgeleitete, theoriegeleitete Textanalyse; Brücke zur quantitativen Inhaltsanalysehermeneutisch fundierte, systematische Analyse; Verstehen des Einzelfalls betont
StrukturGrundformen Zusammenfassung, Explikation, Strukturierung mit je eigenem Ablaufmodelldrei Basismethoden: inhaltlich strukturierend, evaluativ, typenbildend
Ablaufeher linear, Rücküberprüfung nach einem Teil des Materialszirkulär, sieben Phasen, Forschungsfrage im Zentrum
Kategorienbildunginduktiv (Selektionskriterium, Abstraktionsniveau) oder deduktiv (Kodierleitfaden)meist deduktiv-induktiv: Hauptkategorien vorab, Subkategorien am Material
AnalyseeinheitenKodier-, Kontext- und Auswertungseinheit ausdrücklich festgelegtCodiereinheiten als Sinneinheiten, weniger formalisiert
Fallperspektiveeher gering, Fokus auf Kategorienstark: Fallzusammenfassungen, Themenmatrix, Fallvergleiche, Typen
Quantifizierungausdrücklich vorgesehen (Häufigkeiten, Intercoder-Reliabilität)möglich, aber untergeordnet; konsensuelles Codieren bevorzugt
Softwaremöglich, nicht zentralzentral, ausführlich beschrieben

Gleiches Material, zwei Wege: ein Beispiel

Wie unterschiedlich die Ansätze in der Praxis aussehen, zeigt Leas Studie mit zwölf Interviews zu Studenten mit Nebenjob. Dieselben Transkripte lassen sich auf beide Arten auswerten — mit unterschiedlichen Schwerpunkten im Ergebnis.

SchrittWeg nach MayringWeg nach Kuckartz und Rädiker
StartAnalyseeinheiten festlegen, Selektionskriterium „Belastungen durch Studium und Job“ definierenalle Transkripte lesen, Memos und Fallzusammenfassungen schreiben
Kategorieninduktiv Zeile für Zeile; Revision nach drei InterviewsHauptkategorien aus dem Leitfaden, erster Codierdurchgang
Verfeinerungendgültiger Durchgang durch alle zwölf TranskripteSubkategorien aus den Stellen je Hauptkategorie, zweiter Codierdurchgang
AuswertungHauptkategorien mit Häufigkeiten (z. B. „Erschöpfung“ bei 10 von 12)kategorienbasierte Beschreibung, Themenmatrix, Fallvergleiche, ggf. Typen
Ergebnispräzises Bild der BelastungsformenBild der Belastungen im Zusammenhang mit Motiven und Strategien je Fall

Entscheidungshilfe: Welcher Ansatz passt zu Deiner Arbeit?

Statt nach Vorlieben Deiner Betreuung zu raten, prüfe vier Fragen. Diese Fragen führen in den meisten Fällen zu einer klaren Antwort. Wenn Deine Betreuung einen Ansatz vorgibt, folge ihm — begründe aber trotzdem, warum er zur Forschungsfrage passt.

  • Hast Du einen Interviewleitfaden mit klaren Themenblöcken? Dann liegt die inhaltlich strukturierende Analyse nach Kuckartz nahe, weil die Blöcke direkt zu Hauptkategorien werden.
  • Weißt Du wenig über das Thema und willst Kategorien ganz aus dem Material gewinnen? Dann passt die induktive Kategorienbildung nach Mayring mit ihrem klaren Ablauf.
  • Willst Du ein bestehendes Modell prüfen oder anwenden? Dann ist die deduktive Strukturierung nach Mayring mit Kodierleitfaden präzise beschrieben.
  • Willst Du Fälle vergleichen oder Typen bilden? Dann führt kein Weg an Kuckartz und Rädiker vorbei.
  • Willst Du Häufigkeiten berichten oder die Reliabilität berechnen? Beides ist bei Mayring fester Bestandteil, bei Kuckartz nur Ergänzung.
  • Arbeitest Du mit großen Datenmengen und Software? Kuckartz und Rädiker beschreiben die Computerunterstützung ausführlicher.

Darf ich Mayring und Kuckartz kombinieren?

Ja, wenn Du es offenlegst. Eine verbreitete und gut begründbare Kombination: Du folgst dem Ablauf der inhaltlich strukturierenden Analyse nach Kuckartz und Rädiker und nutzt für die induktive Bildung der Subkategorien die Regeln der induktiven Kategorienbildung nach Mayring (Selektionskriterium, Abstraktionsniveau). Wichtig ist, dass Du einen Ansatz als Rahmen wählst und klar sagst, welches Element Du aus dem anderen übernimmst.

Vermeiden solltest Du dagegen Begriffsmischungen ohne Erklärung: etwa von „Phase 4“ zu sprechen und gleichzeitig von „Auswertungseinheit“ und „zweiter Reduktion“, ohne zu sagen, woher was stammt.

Typische Fehler bei der Wahl

Die meisten Probleme entstehen nicht durch die falsche Wahl, sondern durch eine unscharfe Umsetzung. Diese Fehler fallen Gutachtern am häufigsten auf:

  • Beide Autoren zitiert, aber nur einen Ablauf beschrieben
  • Mayring zitiert, aber Hauptkategorien aus dem Leitfaden und Subkategorien am Material gebildet (das ist eher Kuckartz) — ohne es zu erwähnen
  • Kuckartz zitiert, aber Phase 1 und die Fallzusammenfassungen übersprungen
  • Häufigkeiten als Hauptergebnis berichtet, obwohl nur zwölf Interviews vorliegen
  • Veraltete Auflagen zitiert, deren Phasen anders heißen als in der aktuellen Auflage
  • Kein Codebuch im Anhang, obwohl beide Ansätze Definitionen und Ankerbeispiele verlangen

Häufige Fragen

Was ist der Unterschied zwischen Mayring und Kuckartz?

Mayring betont regelgeleitete Techniken mit festen Ablaufmodellen und erlaubt quantitative Schritte. Kuckartz und Rädiker betonen ein zirkuläres, fallorientiertes Vorgehen in sieben Phasen mit deduktiv-induktiver Kategorienbildung.

Welcher Ansatz ist besser für eine Bachelorarbeit?

Keiner ist grundsätzlich besser. Für Leitfadeninterviews mit klaren Themenblöcken ist Kuckartz oft der direktere Weg, für rein induktive oder stark theoriegeleitete Analysen Mayring.

Kann ich Mayring und Kuckartz gleichzeitig zitieren?

Ja, wenn Du einen Ansatz als Rahmen wählst und offenlegst, welche Elemente Du aus dem anderen übernimmst, etwa Mayrings Regeln für die induktive Kategorienbildung.

Muss ich bei Mayring Häufigkeiten angeben?

Nein, aber sie sind ausdrücklich vorgesehen. Bei kleinen Stichproben sollten Häufigkeiten die Beschreibung ergänzen, nicht ersetzen.

Quellen und weiterführende Literatur

  • Mayring, P. (2022). Qualitative Inhaltsanalyse. Grundlagen und Techniken (13. Aufl.). Beltz.
  • Kuckartz, U. & Rädiker, S. (2022). Qualitative Inhaltsanalyse. Methoden, Praxis, Computerunterstützung (5. Aufl.). Beltz Juventa.

Was an Deiner Hochschule gilt, steht in Prüfungsordnung und Leitfaden Deines Fachs — die haben immer Vorrang.

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