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Grounded Theory: Codieren, theoretisches Sampling, Sättigung

Fachlich verantwortet von Prof. Dr. Alexander Holtermann · Stand 16.10.2026 · 6 Min. Lesezeit

Die Grounded Theory entwickelt eine Theorie aus den Daten: durch offenes, axiales und selektives Codieren, ständiges Vergleichen und theoretisches Sampling.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Grounded Theory (gegenstandsbezogene Theoriebildung) geht auf Glaser und Strauss (1967) zurück. Ziel ist eine Theorie, die in den Daten verankert ist, nicht das Prüfen vorhandener Theorien.
  • Später entstanden drei Hauptlinien: die klassische nach Glaser, die systematische nach Strauss und Corbin und die konstruktivistische nach Charmaz.
  • Strauss und Corbin unterscheiden offenes, axiales und selektives Codieren; das Kodierparadigma ordnet Kategorien nach Bedingungen, Strategien und Konsequenzen.
  • Datenerhebung und Auswertung wechseln sich ab: Beim theoretischen Sampling bestimmen erste Ergebnisse, welche Fälle als Nächstes erhoben werden — bis zur theoretischen Sättigung.
  • Memos sind kein Beiwerk, sondern das Herzstück: In ihnen entsteht die Theorie Schritt für Schritt.

Was ist die Grounded Theory?

Barney Glaser und Anselm Strauss stellten 1967 in „The Discovery of Grounded Theory“ einen Gegenentwurf zur damals vorherrschenden Sozialforschung vor, die vor allem große Theorien überprüfte. Der Vorschlag der beiden: Theorien sollen aus den Daten heraus entdeckt werden, systematisch und nah an der sozialen Wirklichkeit. Der Name bedeutet wörtlich „in den Daten verankerte Theorie“.

Wichtig ist der Unterschied zwischen dem Ergebnis (einer grounded theory, also einer gegenstandsbezogenen Theorie) und der Methodologie, mit der sie entsteht (Grounded-Theory-Methodologie). Kennzeichen der Methodologie sind: Erhebung und Auswertung laufen parallel; Du vergleichst ständig Daten mit Daten, Daten mit Codes und Codes mit Codes (Methode des ständigen Vergleichens); die Auswahl weiterer Fälle richtet sich nach der entstehenden Theorie (theoretisches Sampling); Du hörst auf, wenn neue Daten nichts Neues mehr bringen (theoretische Sättigung); und Du hältst Deine Gedanken fortlaufend in Memos fest.

Anders als bei der qualitativen Inhaltsanalyse steht am Ende kein Kategoriensystem als Beschreibung des Materials, sondern ein Erklärungsmodell, das zeigt, wie ein Phänomen zustande kommt und wie Menschen damit umgehen.

Drei Linien: Glaser, Strauss und Corbin, Charmaz

Nach 1967 entwickelten Glaser und Strauss die Methode in unterschiedliche Richtungen weiter, bis Glaser 1992 die Arbeit von Strauss und Corbin offen kritisierte. Seitdem spricht man von verschiedenen Schulen. Für Deine Arbeit ist entscheidend, dass Du Dich für eine Linie entscheidest und deren Begriffe konsequent verwendest.

LinieGrundhaltungCodierschrittetypisches Stichwort
klassisch (Glaser)Theorie emergiert aus den Daten; Vorwissen möglichst zurückstellensubstanzielles Codieren (offen, selektiv), theoretisches Codieren mit KodierfamilienEmergenz statt Forcieren
systematisch (Strauss und Corbin)strukturiertes Vorgehen mit festen Werkzeugen; Vorwissen darf sensibilisierenoffenes, axiales, selektives Codieren; KodierparadigmaKodierparadigma, Kernkategorie
konstruktivistisch (Charmaz)Theorie wird gemeinsam von Forscher und Befragten konstruiert; Reflexivitätinitiales Codieren (Zeile für Zeile), fokussiertes Codieren, ggf. theoretisches CodierenCodes als Handlungen formulieren

Offenes Codieren

Beim offenen Codieren brichst Du die Daten auf. Du gehst Zeile für Zeile oder Satz für Satz vor und fragst: Was passiert hier? Worum geht es? Welches Phänomen steckt dahinter? Jede Antwort wird zu einem Code oder Konzept. Strauss und Corbin empfehlen, Konzepte nach ihren Eigenschaften und deren Dimensionen zu beschreiben, etwa die Eigenschaft „Häufigkeit“ mit der Dimension „selten bis ständig“. Ähnliche Konzepte fasst Du zu Kategorien zusammen.

Charmaz nennt diesen Schritt initiales Codieren und empfiehlt, Codes als Handlungen zu formulieren („Lernzeit erkämpfen“ statt „Lernzeit“). Das hält den Blick auf Prozesse gerichtet.

Axiales Codieren und das Kodierparadigma

Beim axialen Codieren setzt Du die Kategorien zueinander in Beziehung. Strauss und Corbin bieten dafür das Kodierparadigma an: Eine zentrale Kategorie (das Phänomen) wird in Beziehung gesetzt zu ihren Bedingungen, dem Kontext, den Strategien, mit denen Menschen darauf reagieren, und den Konsequenzen dieser Strategien. So entsteht ein Netz um eine „Achse“ — daher der Name.

Element des KodierparadigmasLeitfrageBeispiel aus Leas Studie
ursächliche BedingungenWas führt zum Phänomen?fehlende finanzielle Unterstützung, steigende Mieten
PhänomenWorum dreht sich alles?Studium unter Zeitknappheit
KontextUnter welchen Umständen tritt es auf?Präsenzpflicht, Schichtarbeit, Prüfungsphasen
intervenierende BedingungenWas fördert oder hemmt die Strategien?verständnisvoller Arbeitgeber, Lerngruppe
Handlungs- und interaktionale StrategienWie gehen die Befragten damit um?Lernen in Zwischenzeiten, Schichten tauschen, Module schieben
KonsequenzenWas folgt daraus?längere Studiendauer, Erschöpfung, aber auch Berufserfahrung

Selektives Codieren und die Kernkategorie

Beim selektiven Codieren bestimmst Du die Kernkategorie: die Kategorie, die mit den meisten anderen verbunden ist, häufig im Material vorkommt und die Geschichte Deiner Daten am besten zusammenfasst. Alle anderen Kategorien ordnest Du um sie herum an. Strauss und Corbin empfehlen, dafür zunächst einen roten Faden (story line) in wenigen Sätzen zu formulieren.

Das Ergebnis ist eine gegenstandsbezogene Theorie: kein universelles Gesetz, sondern ein dichtes Erklärungsmodell für den untersuchten Bereich.

Theoretisches Sampling und Sättigung

In der Grounded Theory legst Du die Stichprobe nicht vorab fest. Du beginnst mit wenigen Fällen, wertest sie aus und entscheidest dann, welche Fälle als Nächstes am meisten zur Theorieentwicklung beitragen. Das ist theoretisches Sampling: Auswahl nach Konzepten, nicht nach Repräsentativität. Oft suchst Du gezielt minimale Kontraste (ähnliche Fälle, um eine Kategorie zu festigen) und maximale Kontraste (sehr unterschiedliche Fälle, um ihre Grenzen zu finden).

Du beendest die Erhebung, wenn die theoretische Sättigung erreicht ist: Neue Fälle liefern keine neuen Eigenschaften oder Dimensionen der Kategorien mehr. Sättigung ist kein Gefühl, sondern muss begründet werden — etwa damit, dass die letzten Interviews nur noch bestehende Kategorien bestätigt haben.

  • Welle 1: vier Interviews mit Studenten in der Gastronomie (wechselnde Schichten)
  • Erste Analyse zeigt: Planbarkeit des Jobs scheint zentral
  • Welle 2 (maximaler Kontrast): drei Werkstudenten mit festen Bürozeiten
  • Welle 3 (minimaler Kontrast): drei Studenten in der Pflege mit Schichtdienst
  • Welle 4: zwei Interviews bestätigen nur noch bestehende Kategorien — Sättigung begründet

Memos: wo die Theorie entsteht

Memos sind schriftliche Notizen, in denen Du Deine analytischen Gedanken festhältst. Alle Linien der Grounded Theory betonen sie. Strauss und Corbin unterscheiden unter anderem Code-Memos (zu einzelnen Codes und Kategorien), theoretische Memos (zu Beziehungen und Hypothesen) und Planungsmemos (was als Nächstes zu tun ist). Schreib früh und viel. Memos sind informell, dürfen Fragen enthalten und werden später sortiert und zu Kapiteln Deines Ergebnisteils verdichtet.

Im Werkzeug Codieren kannst Du an jede codierte Stelle ein Memo hängen. Für eine Grounded-Theory-Arbeit lohnt es sich zusätzlich, Memos datiert in einem eigenen Dokument zu sammeln, damit die Entwicklung Deiner Theorie nachvollziehbar bleibt.

Grounded Theory in der Abschlussarbeit: realistisch bleiben

Eine vollständige Grounded-Theory-Studie mit mehreren Erhebungswellen, theoretischem Sampling und dichter Theorie ist in einer Bachelorarbeit von wenigen Monaten kaum zu leisten. Viele Arbeiten nutzen deshalb Elemente der Grounded Theory, etwa das offene und axiale Codieren, ohne eine vollständige Theorie zu beanspruchen. Das ist legitim, wenn Du es offen benennst: „In Anlehnung an die Grounded-Theory-Methodologie nach Strauss und Corbin (1996) wurden die Daten offen und axial codiert.“

Was Du vermeiden solltest: eine Analyse als Grounded Theory zu bezeichnen, wenn alle Interviews vorab geführt und anschließend nur thematisch zusammengefasst wurden. Dann passt eine qualitative Inhaltsanalyse oder thematische Analyse besser.

Häufige Fragen

Was ist Grounded Theory einfach erklärt?

Ein Forschungsstil, bei dem Du aus Interviews oder Beobachtungen schrittweise eine Theorie entwickelst, statt eine vorhandene zu prüfen. Erhebung und Auswertung wechseln sich ab, bis neue Daten nichts Neues mehr bringen.

Was ist der Unterschied zwischen offenem, axialem und selektivem Codieren?

Offenes Codieren bricht die Daten in Konzepte auf, axiales Codieren setzt Kategorien zueinander in Beziehung, selektives Codieren integriert alles um eine Kernkategorie.

Was ist theoretisches Sampling?

Die Auswahl weiterer Fälle anhand der bisherigen Analyseergebnisse: Du wählst Fälle, die Deine entstehenden Kategorien bestätigen, erweitern oder herausfordern.

Wann ist theoretische Sättigung erreicht?

Wenn neue Daten keine neuen Eigenschaften oder Dimensionen Deiner Kategorien mehr hervorbringen. Begründe das im Methodenteil konkret.

Was ist der Unterschied zwischen Grounded Theory und qualitativer Inhaltsanalyse?

Die Inhaltsanalyse beschreibt und strukturiert Material mit einem Kategoriensystem. Die Grounded Theory will eine erklärende Theorie entwickeln und verbindet dafür Erhebung und Auswertung im theoretischen Sampling.

Quellen und weiterführende Literatur

  • Glaser, B. G. & Strauss, A. L. (1967). The Discovery of Grounded Theory: Strategies for Qualitative Research. Aldine.
  • Strauss, A. & Corbin, J. (1996). Grounded Theory: Grundlagen qualitativer Sozialforschung. Beltz.
  • Charmaz, K. (2014). Constructing Grounded Theory (2nd ed.). Sage.

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