Gütekriterien qualitativer Forschung: Steinke, Lincoln und Guba
Fachlich verantwortet von Prof. Dr. Alexander Holtermann · Stand 16.10.2026 · 5 Min. Lesezeit
Qualitative Forschung prüft Güte über Nachvollziehbarkeit und Glaubwürdigkeit statt Messgenauigkeit. Standard: Steinke 1999, Lincoln & Guba 1985.
Das Wichtigste in Kürze
- Die klassischen Kriterien Objektivität, Reliabilität und Validität lassen sich nicht direkt auf Interviews und Beobachtungen übertragen, weil diese nicht standardisiert sind.
- Steinke (1999) nennt sieben Kernkriterien; das wichtigste ist die intersubjektive Nachvollziehbarkeit durch Dokumentation, Interpretation in Gruppen und regelgeleitetes Vorgehen.
- Lincoln und Guba (1985) ersetzen die klassischen Kriterien durch vier Parallelkriterien: Glaubwürdigkeit, Übertragbarkeit, Zuverlässigkeit und Bestätigbarkeit.
- Konkrete Techniken sind unter anderem Peer Debriefing, Member Checking, Triangulation, dichte Beschreibung und ein lückenloses Forschungstagebuch.
- In der Abschlussarbeit reicht es nicht, Kriterien aufzuzählen: Beschreibe, mit welchen Schritten Du sie in Deiner Studie umgesetzt hast.
Warum qualitative Forschung eigene Gütekriterien braucht
In der quantitativen Forschung bedeutet Güte vor allem: gleiche Bedingungen, gleiche Messung, gleiche Ergebnisse. Qualitative Forschung arbeitet anders. Interviews verlaufen bewusst offen, Nachfragen passen sich dem Gespräch an, und die Interpretation ist ein Verstehensprozess. Ein zweites Interview mit derselben Person wird nie identisch verlaufen.
Deshalb haben qualitative Forscher eigene Kriterien entwickelt. Diese fragen nicht, ob eine Messung exakt wiederholbar ist, sondern ob der Forschungsprozess transparent, begründet und überprüfbar ist. In deutschsprachigen Arbeiten werden vor allem zwei Ansätze zitiert: die Kernkriterien von Ines Steinke (1999) und die Vertrauenswürdigkeit (Trustworthiness) nach Lincoln und Guba (1985). Daneben nennt Mayring sechs allgemeine Gütekriterien, die in inhaltsanalytischen Arbeiten verbreitet sind.
Die sieben Kernkriterien nach Steinke
Steinke versteht ihre Kriterien als Prüfkatalog, den Du an Deine Studie anpasst. Nicht jedes Kriterium ist in jedem Projekt gleich wichtig.
| Kriterium | Kernfrage | Umsetzung in der Arbeit |
|---|---|---|
| intersubjektive Nachvollziehbarkeit | Können andere den Weg zu den Ergebnissen verfolgen? | Dokumentation von Vorverständnis, Methode, Transkriptionsregeln, Kategorien; Interpretation in Gruppen; kodifizierte Verfahren |
| Indikation des Forschungsprozesses | Passen Methode, Sampling und Auswertung zur Frage? | Begründung jeder methodischen Entscheidung |
| empirische Verankerung | Sind die Ergebnisse in den Daten begründet? | Belegzitate, systematisches Codieren, Suche nach Gegenbeispielen |
| Limitation | Wie weit reichen die Ergebnisse? | Grenzen der Verallgemeinerung benennen, Fallkontraste |
| Kohärenz | Ist die entwickelte Theorie in sich stimmig? | Widersprüche offenlegen und bearbeiten |
| Relevanz | Was trägt die Studie bei? | Nutzen für Theorie und Praxis darstellen |
| reflektierte Subjektivität | Wie beeinflusst die forschende Person das Ergebnis? | eigene Rolle, Vorannahmen und Beziehung zum Feld reflektieren |
Intersubjektive Nachvollziehbarkeit im Detail
Steinke bezeichnet die Nachvollziehbarkeit als zentrales Kriterium, weil eine identische Wiederholung (Replikation) in der qualitativen Forschung kaum möglich ist. Statt Wiederholbarkeit wird Transparenz verlangt. Dafür gibt es drei Wege:
- Dokumentation des Forschungsprozesses: Vorverständnis, Erhebungsmethoden und -kontext, Transkriptionsregeln, Daten, Auswertungsmethode, Informationsquellen, Entscheidungen und Probleme.
- Interpretation in Gruppen: Material gemeinsam mit anderen deuten, etwa in einer Interpretationsgruppe oder Lerngruppe, um blinde Flecken zu vermeiden.
- Anwendung kodifizierter Verfahren: Regelgeleitete Methoden wie die qualitative Inhaltsanalyse oder die Grounded Theory, deren Schritte in der Literatur beschrieben sind.
Vertrauenswürdigkeit nach Lincoln und Guba
Lincoln und Guba haben 1985 in „Naturalistic Inquiry“ vier Kriterien vorgeschlagen, die bewusst parallel zu den klassischen Kriterien gedacht sind. Zusammen ergeben sie die Vertrauenswürdigkeit (Trustworthiness) einer Studie.
| Kriterium (englisch) | entspricht klassisch | Kernfrage | Techniken |
|---|---|---|---|
| Glaubwürdigkeit (Credibility) | interne Validität | Bilden die Ergebnisse die Sicht der Befragten zutreffend ab? | lange Feldphase, Triangulation, Peer Debriefing, Member Checking, Analyse negativer Fälle |
| Übertragbarkeit (Transferability) | externe Validität | Unter welchen Bedingungen gelten die Ergebnisse auch anderswo? | dichte Beschreibung von Kontext, Fällen und Setting |
| Zuverlässigkeit (Dependability) | Reliabilität | Ist der Prozess konsistent und prüfbar? | Audit Trail, Forschungstagebuch, externe Prüfung |
| Bestätigbarkeit (Confirmability) | Objektivität | Gehen die Ergebnisse auf die Daten zurück und nicht auf Vorurteile? | Audit Trail, Reflexivität, Belegzitate |
Konkrete Techniken für Deine Abschlussarbeit
Kriterien werden erst durch Techniken greifbar. Diese lassen sich auch mit wenig Zeit umsetzen:
- Peer Debriefing: Besprich Deine Kategorien und Deutungen mit Kommilitonen oder in der Sprechstunde. Halte fest, was sich dadurch geändert hat.
- Member Checking (kommunikative Validierung): Leg Interviewpartnern eine Zusammenfassung ihrer Aussagen vor und frage, ob sie sich richtig verstanden fühlen.
- Triangulation: Kombiniere Datenquellen (Interviews und Dokumente), Methoden oder Auswertende.
- Konsensuelles Codieren: Zwei Personen codieren unabhängig, Unterschiede werden diskutiert und das Codebuch präzisiert.
- Forschungstagebuch: Notiere Entscheidungen, Ideen und Probleme mit Datum. Es ist Grundlage für den Audit Trail.
- Gegenbeispiele suchen: Prüfe aktiv, ob es Fälle gibt, die Deinen Kategorien widersprechen, und berichte sie.
Die Gütekriterien nach Mayring
In Arbeiten mit qualitativer Inhaltsanalyse wird häufig Mayring zitiert. Er nennt sechs allgemeine Gütekriterien: Verfahrensdokumentation, argumentative Interpretationsabsicherung, Regelgeleitetheit, Nähe zum Gegenstand, kommunikative Validierung und Triangulation. Speziell für die Inhaltsanalyse hebt er außerdem die Intercoder-Übereinstimmung hervor, die Du mit Kennwerten wie Cohens Kappa berichten kannst.
Welchen Ansatz Du wählst, hängt von Deinem Auswertungsverfahren und Deinem Fach ab. Wichtig ist, dass Du Dich auf einen Katalog festlegst und dessen Kriterien systematisch abarbeitest, statt Begriffe aus mehreren Ansätzen zu mischen.
So formulierst Du den Abschnitt im Methodenteil
Ein guter Gütekriterien-Abschnitt ist kurz, konkret und an Deiner Studie orientiert. Vermeide reine Definitionen ohne Bezug zum eigenen Vorgehen.
Häufige Fragen
Welche Gütekriterien gibt es in der qualitativen Forschung?
Verbreitet sind die sieben Kernkriterien nach Steinke (u. a. intersubjektive Nachvollziehbarkeit, empirische Verankerung, reflektierte Subjektivität), die vier Kriterien nach Lincoln und Guba (Glaubwürdigkeit, Übertragbarkeit, Zuverlässigkeit, Bestätigbarkeit) sowie die sechs Kriterien nach Mayring.
Was ist intersubjektive Nachvollziehbarkeit?
Andere Personen können anhand Deiner Dokumentation nachvollziehen, wie Du von den Daten zu den Ergebnissen gekommen bist. Gesichert wird das durch Prozessdokumentation, Interpretation in Gruppen und regelgeleitete Verfahren gesichert.
Was ist Member Checking?
Beim Member Checking, auch kommunikative Validierung genannt, legst Du Befragten Deine Interpretation ihrer Aussagen vor und prüfst, ob sie sich darin wiederfinden. Es stärkt die Glaubwürdigkeit der Ergebnisse.
Kann man Reliabilität bei Interviews messen?
Nicht im klassischen Sinn. Für das Codieren kannst Du aber die Übereinstimmung zweier Codierer berechnen, etwa mit Cohens Kappa. Das wird als Intercoder-Reliabilität bezeichnet.
Muss ich alle Kriterien von Steinke erfüllen?
Nein. Steinke versteht die Kriterien als Katalog, aus dem Du die für Deine Studie passenden auswählst und begründest. Die intersubjektive Nachvollziehbarkeit solltest Du aber immer adressieren.
Quellen und weiterführende Literatur
- Steinke, I. (1999). Kriterien qualitativer Forschung. Ansätze zur Bewertung qualitativ-empirischer Sozialforschung. Juventa.
- Lincoln, Y. S., & Guba, E. G. (1985). Naturalistic Inquiry. Sage.
- Flick, U. (2021). Qualitative Sozialforschung. Eine Einführung (10. Aufl.). Rowohlt.
- Döring, N. (2023). Forschungsmethoden und Evaluation in den Sozial- und Humanwissenschaften (6. Aufl.). Springer.
Was an Deiner Hochschule gilt, steht in Prüfungsordnung und Leitfaden Deines Fachs — die haben immer Vorrang.
Passt dazu
- Gütekriterien (quantitativ)Die drei Hauptgütekriterien sind Objektivität, Reliabilität und Validität. Ein Test ist gut, wenn er unabhängig, genau und das Richtige misst.
- Intercoder-ReliabilitätIntercoder-Reliabilität zeigt, wie einig sich zwei Codierer sind. Cohens Kappa bereinigt die Übereinstimmung um Zufall; ab 0,61 gilt sie als beachtlich.
- Inhaltsanalyse nach MayringDie Inhaltsanalyse nach Mayring wertet Texte regelgeleitet aus: durch Zusammenfassung, Explikation oder Strukturierung entlang eines festen Ablaufmodells.
- LeitfadeninterviewDas Leitfadeninterview ist ein teilstandardisiertes Interview mit vorbereiteten offenen Fragen. Der Leitfaden gibt Struktur, lässt aber Raum für Erzählungen.
- TranskriptionTranskribieren heißt, Interviews nach festen Regeln zu verschriften. Für die meisten Arbeiten reichen einfache Regeln nach Dresing und Pehl.
- Kategoriensystem erstellenEin Kategoriensystem entsteht deduktiv aus Theorie, induktiv aus dem Material oder gemischt. Gute Kategorien sind trennscharf und definiert.