Thematische Analyse nach Braun und Clarke: sechs Phasen
Fachlich verantwortet von Prof. Dr. Alexander Holtermann · Stand 16.10.2026 · 6 Min. Lesezeit
Die thematische Analyse nach Braun und Clarke findet Muster geteilter Bedeutung in sechs Phasen: vom Vertrautmachen über Codieren und Themen bis zum Bericht.
Das Wichtigste in Kürze
- Die thematische Analyse (Thematic Analysis) nach Braun und Clarke (2006) ist eines der international meistgenutzten Verfahren der qualitativen Auswertung.
- Das Verfahren verläuft in sechs Phasen: Vertrautmachen, Codes generieren, Themen suchen, Themen prüfen, Themen definieren und benennen, Bericht schreiben.
- Seit 2019 sprechen Braun und Clarke von reflexiver thematischer Analyse: Themen „tauchen“ nicht auf, sondern werden aktiv von der forschenden Person entwickelt.
- Ein Thema ist ein Muster geteilter Bedeutung mit einem zentralen organisierenden Gedanken — keine bloße Sammlung von Aussagen zu einem Stichwort.
- In der reflexiven Variante sind Codebuch und Intercoder-Reliabilität nicht vorgesehen; Qualität entsteht durch Reflexivität und Transparenz.
Was ist die thematische Analyse?
Virginia Braun und Victoria Clarke haben 2006 einen Aufsatz veröffentlicht, der die thematische Analyse als eigenständiges, flexibles Verfahren beschreibt. Er gehört zu den meistzitierten Methodenartikeln überhaupt. Das Verfahren ist nicht an eine bestimmte Theorie gebunden und kann für ganz unterschiedliche Fragestellungen genutzt werden: von der Beschreibung von Erfahrungen bis zur Analyse, wie Menschen Bedeutung sprachlich herstellen.
Im deutschsprachigen Raum wird die thematische Analyse vor allem in Psychologie, Gesundheits- und Pflegewissenschaften und in englischsprachigen Studiengängen genutzt. Wenn Deine Betreuung international ausgerichtet ist oder Deine Arbeit auf Englisch entsteht, ist sie oft die naheliegende Alternative zur qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring oder Kuckartz.
In späteren Arbeiten (2019 und in ihrem Lehrbuch von 2021) haben Braun und Clarke ihren Ansatz als reflexive thematische Analyse präzisiert und von anderen Varianten abgegrenzt: der Coding-Reliability-Variante mit festem Codebuch und Reliabilitätsprüfung und den Codebuch-Varianten, die zwischen beiden stehen.
Was ist ein Thema — und was nicht?
Der häufigste Fehler in Arbeiten mit thematischer Analyse ist ein falsches Verständnis von „Thema“. Für Braun und Clarke ist ein Thema ein Muster geteilter Bedeutung, zusammengehalten von einem zentralen organisierenden Gedanken. Ein Thema sagt etwas über die Daten aus. Davon unterscheiden sie die Themenzusammenfassung (topic summary): eine Sammlung von allem, was zu einem Stichwort gesagt wurde, oft entlang der Leitfadenfragen.
| Themenzusammenfassung (vermeiden) | Thema im Sinne von Braun und Clarke |
|---|---|
| „Erfahrungen mit dem Arbeitgeber“ | „Der Job gibt den Takt vor, das Studium muss folgen“ |
| „Belastungen“ | „Immer ein schlechtes Gewissen — gegenüber allen“ |
| „Strategien“ | „Tote Zeit zu Lernzeit machen“ |
Die sechs Phasen im Überblick
Braun und Clarke beschreiben sechs Phasen. Die Autorinnen betonen, dass die Phasen nicht streng linear sind: Du gehst immer wieder zurück, etwa von Phase 4 zu Phase 2. In der reflexiven Fassung von 2021 sind die Phasen leicht umbenannt, um den aktiven Charakter der Analyse zu betonen.
| Phase | Bezeichnung 2006 | reflexive Fassung (2021) | was Du tust |
|---|---|---|---|
| 1 | Familiarizing yourself with your data | Familiarisation | Daten wiederholt lesen, transkribieren, erste Notizen |
| 2 | Generating initial codes | Coding | systematisch codieren, semantisch und latent |
| 3 | Searching for themes | Generating initial themes | Codes zu möglichen Themen bündeln |
| 4 | Reviewing themes | Developing and reviewing themes | Themen an Codes und am gesamten Datensatz prüfen |
| 5 | Defining and naming themes | Refining, defining and naming themes | Kern jedes Themas bestimmen, Namen finden |
| 6 | Producing the report | Writing up | Analyse als Text mit Datenauszügen verfassen |
Phase 1 und 2: Vertrautmachen und Codieren
In Phase 1 tauchst Du in die Daten ein. Du liest jedes Transkript mehrfach, hörst Aufnahmen erneut an und notierst erste Eindrücke. Wenn Du selbst transkribiert hast, hat diese Phase schon begonnen.
In Phase 2 codierst Du den gesamten Datensatz systematisch. Ein Code ist ein knappes Etikett für ein Merkmal der Daten, das für Deine Frage interessant ist. Braun und Clarke unterscheiden semantische Codes, die nah am ausdrücklich Gesagten bleiben, und latente Codes, die zugrunde liegende Annahmen und Bedeutungen erfassen. Codiere großzügig und behalte etwas Kontext um die Stelle herum.
Phase 3 bis 5: Themen entwickeln, prüfen, benennen
In Phase 3 sortierst Du die Codes zu möglichen Themen. Hilfreich ist eine thematische Landkarte: Du ordnest Codes visuell, gruppierst sie und probierst Beziehungen aus. Manche Codes werden zu Themen, manche zu Unterthemen, manche passen nirgends hin.
In Phase 4 prüfst Du die Themen auf zwei Ebenen: Passen die codierten Auszüge zu jedem Thema (innere Stimmigkeit)? Und bildet die Gesamtheit der Themen den Datensatz in Bezug auf Deine Frage angemessen ab? Themen werden zusammengelegt, aufgeteilt oder verworfen.
In Phase 5 bestimmst Du den Kern jedes Themas. Ein guter Test: Kannst Du in zwei, drei Sätzen sagen, worum es im Thema geht und was es zur Beantwortung der Frage beiträgt? Dann findest Du einen prägnanten Namen, gern mit einem kurzen Zitat aus den Daten.
- Hat jedes Thema einen zentralen organisierenden Gedanken?
- Sind die Themen voneinander abgrenzbar, ohne sich zu überschneiden?
- Gibt es genug Belege aus mehreren Interviews?
- Erzählen die Themen zusammen eine stimmige Geschichte über die Daten?
- Sind die Themen mehr als die Fragen Deines Leitfadens?
Phase 6: den Bericht schreiben
Der Bericht ist nicht das Protokoll einer abgeschlossenen Analyse, sondern Teil von ihr. Für jedes Thema schreibst Du eine analytische Erzählung: Du stellst das Thema vor, belegst es mit gut gewählten Datenauszügen und erklärst, was die Auszüge über Deine Forschungsfrage aussagen. Braun und Clarke warnen davor, Zitate nur aneinanderzureihen oder nur zu paraphrasieren. Jeder Auszug braucht eine Interpretation.
In psychologischen und gesundheitswissenschaftlichen Arbeiten werden Ergebnisse und Diskussion bei der thematischen Analyse oft verschränkt. In vielen deutschsprachigen Fächern ist die Trennung üblich — kläre das mit Deiner Betreuung.
Reflexive thematische Analyse: Konsequenzen für Deine Arbeit
Wenn Du Dich auf die reflexive thematische Analyse beziehst, hat das Folgen für Methodenteil und Gütekriterien. Braun und Clarke lehnen die Vorstellung ab, Themen würden aus den Daten „auftauchen“. Themen sind Ergebnis Deiner interpretativen Arbeit, geprägt durch Deine Perspektive, Dein Vorwissen und Deine theoretischen Annahmen. Deshalb gehört eine Reflexion Deiner Position in den Methodenteil.
Auch Intercoder-Reliabilität und Kappa passen nicht zur reflexiven Variante: Wenn Interpretation gewollt subjektiv ist, ist Übereinstimmung zwischen Personen kein sinnvolles Qualitätsmaß. Wer ein festes Codebuch und Reliabilitätswerte will, sollte sich auf eine Codebuch- oder Coding-Reliability-Variante beziehen — oder auf die qualitative Inhaltsanalyse.
| Merkmal | reflexive thematische Analyse | qualitative Inhaltsanalyse (Kuckartz) |
|---|---|---|
| Ergebnis | Themen als Muster geteilter Bedeutung | Kategoriensystem mit Haupt- und Subkategorien |
| Codebuch | nicht vorgesehen, Codes entwickeln sich | zentral, mit Definitionen und Ankerbeispielen |
| Reliabilität | abgelehnt, stattdessen Reflexivität | konsensuelles Codieren, ggf. Kappa |
| Rolle der forschenden Person | aktiv, subjektiv als Ressource | regelgeleitet, nachvollziehbar |
Häufige Fragen
Was sind die sechs Phasen der thematischen Analyse?
Vertrautmachen mit den Daten, Codes generieren, Themen suchen, Themen prüfen, Themen definieren und benennen, Bericht schreiben (Braun und Clarke, 2006).
Was ist der Unterschied zwischen thematischer Analyse und qualitativer Inhaltsanalyse?
Die thematische Analyse entwickelt Themen als Muster geteilter Bedeutung und betont in der reflexiven Variante die Interpretation. Die Inhaltsanalyse arbeitet mit einem definierten Kategoriensystem und Codierregeln.
Was ist reflexive thematische Analyse?
Die von Braun und Clarke seit 2019 so bezeichnete Fassung ihres Ansatzes. Diese Fassung betont, dass Themen aktiv von der forschenden Person entwickelt werden, und verzichtet auf Codebuch und Reliabilitätsmaße.
Ist die thematische Analyse induktiv oder deduktiv?
Beides ist möglich. Braun und Clarke unterscheiden eine datengeleitete (induktive) und eine theoriegeleitete (deduktive) Ausrichtung; in der Praxis mischen sich beide oft.
Wie viele Themen sollte eine thematische Analyse haben?
Es gibt keine feste Zahl. In Abschlussarbeiten sind zwei bis sechs Themen üblich, oft mit Unterthemen. Wenige, gut ausgearbeitete Themen sind besser als viele oberflächliche.
Quellen und weiterführende Literatur
- Braun, V. & Clarke, V. (2006). Using thematic analysis in psychology. Qualitative Research in Psychology, 3(2), 77–101.
- Kuckartz, U. & Rädiker, S. (2022). Qualitative Inhaltsanalyse. Methoden, Praxis, Computerunterstützung (5. Aufl.). Beltz Juventa.
Was an Deiner Hochschule gilt, steht in Prüfungsordnung und Leitfaden Deines Fachs — die haben immer Vorrang.
Passt dazu
- Inhaltsanalyse nach KuckartzKuckartz und Rädiker unterscheiden inhaltlich strukturierende, evaluative und typenbildende Inhaltsanalyse. Meist genutzt: die strukturierende in sieben Phasen.
- Grounded TheoryDie Grounded Theory entwickelt eine Theorie aus den Daten: durch offenes, axiales und selektives Codieren, ständiges Vergleichen und theoretisches Sampling.
- Interviews auswertenInterviews wertest Du in sieben Schritten aus: transkribieren, anonymisieren, Methode wählen, Kategorien bilden, codieren, analysieren, Ergebnisse schreiben.
- Ergebnisteil qualitativDen qualitativen Ergebnisteil gliederst Du nach Kategorien oder Themen, belegst mit Zitaten und interpretierst; Literaturvergleich erst in der Diskussion.
- Gütekriterien (qualitativ)Qualitative Forschung prüft Güte über Nachvollziehbarkeit und Glaubwürdigkeit statt Messgenauigkeit. Standard: Steinke 1999, Lincoln & Guba 1985.